Atheismus in der DDR
Tafel 7 Atheismus in der DDR

Die Ausstellung ist bereits an 35 Orten in Deutschland erfolgreich gezeigt worden. Sie wendet sich insbesondere an junge Leute und eignet sich besonders für den Religions- und Konfirmandenunterricht. Sie ist künftig nur noch im Haus der Geschichte Wittenberg zu besichtigen.

Der DDR-Staat trat mit dem Anspruch auf, das neue Deutschland zu schaffen und alle antifaschistisch-demokratischen Kräfte unter Einschluss demokratisch gesinnter christlicher Mitbürger beim Aufbau einer sozial gerechten Gesellschaft zu einen. Am Ende scheiterten die sozialistischen Hoffnungen von Generationen an der realsozialistischen Wirklichkeit.
Konfrontation und Kooperation prägten zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Maße das Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR. Das weitgehende Fehlen staatskirchenrechtlicher Regelungen ließ den staatlichen Instanzen viel Raum für unterschiedliche, entgegengesetzte und auch willkürliche Entscheidungen. Kirchlicherseits entstand dadurch ein ständiger Gesprächs- und Verhandlungsbedarf.
Die atheistische Ausrichtung der DDR-Gesellschaft war ein Grundzug der Politik der SED. Sie wurde mit wechselnder Intensität und unterschiedlichen Folgen vor allem für Christen durchgesetzt. Christen und Kirchen nahmen die Angriffe auf die Freiheit des Glaubens nicht widerspruchslos hin.
Die Ziele und Aufgaben der Atheismusforschung und -propaganda waren den jeweiligen kirchenpolitischen Intentionen der SED-Führung untergeordnet. Seit Mitte der siebziger Jahre trat ihre antireligiöse Stoßrichtung mehr und mehr hinter das Bemühen zurück, Konflikte zwischen Staat und Kirche zu vermeiden und Kooperation zu begründen und zu ermöglichen.
Bei der Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen erhob der Staat einen Monopolanspruch und machte den Marxismus-Leninismus zur Grundlage aller Unterrichtsfächer und außerschulischen Tätigkeit. Verletzungen, Belastungen und Benachteiligungen christlicher Kinder und Jugendlicher führten zu einem Dauerkonflikt zwischen Staat und Kirche.
Die Einführung der Jugendweihe 1954/1955 und ihre rasche Annahme durch die Mehrheit der Bevölkerung führte einerseits zu einem weiteren Dauerkonflikt mit den Kirchen, die ihre Haltung "Entweder Jugendweihe oder Konfirmation" aufgeben mussten. Andererseits wurde der weltanschaulich ideologische Bekenntnischarakter der Jugendweihe mehr und mehr ausgehöhlt.
Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) entwickelte sich von einer weltanschaulich relativ offenen Jugendbewegung zur "Kampfreserve der SED" mit einseitig marxistisch-leninistischem Profil. Die Junge Gemeinde eröffnete Räume für unangepasstes und im christlichen Glauben gegründetes kritisches Denken und geriet dadurch immer wieder in Konflikt mit dem Staat.
Das Fach "Grundlagen des Marxismus-Leninismus" wurde an allen Universitäten Pflichtfach, auch für Theologiestudenten. Der dialektische und historische Materialismus wurde zur weltanschaulich-ideologischen Grundlage von Forschung und Lehre erklärt. Weil eine kritische Auseinandersetzung mit Theorie und Wirklichkeit besonders in Studentengemeinden, kirchlichen Ausbildungsstätten und Akademien stattfand, waren diese ständiger Observation und Repression ausgesetzt.
Die allgemeine Wehrpflicht wurde 1962 eingeführt und Totalverweigerung unter Strafandrohung gestellt. Auf Drängen der Kirchen wurde der waffenlose Dienst von Bausoldaten in der Nationalen Volksarmee (NVA) seit 1964 möglich. Darüber hinausgehende Forderungen, zum Beispiel nach einem Zivil- oder sozialen Friedensdienst außerhalb der Armee, stießen auf entschiedene Ablehnung des Staates.
Der Anspruch der SED- und DDR-Führung, den "neuen Menschen" - ohne Gott und als Schöpfer seiner selbst - zu formen, stand nicht nur im Gegensatz zum christlichen Menschenbild, sondern geriet mehr und mehr in Widerspruch zur gesellschaftlichen Wirklichkeit.
Säkularisierungsprozesse vollzogen sich in allen west- und osteuropäischen Ländern. In der DDR erreichte dieser Prozess jedoch ein Tempo, eine Intensität und löste Langzeitwirkungen aus, die vor allem die evangelischen Kirchen in eine Minderheitssituation hineinführten und die religiös-kirchliche Sozialisation drastisch reduzierten.
Im Lutherbild der DDR wandelte sich der Reformator im Laufe von vier Jahrzehnten vom Fürstenknecht und Bauernfeind zum frühbürgerlichen Revolutionär, den der Staat 1983 in sein historisches und kulturelles Erbe aufzunehmen trachtete. Dadurch gewannen die evangelischen Kirchen Handlungsspielräume.
Christen und Kirchen in der DDR ließen sich nicht in ein kultkirchliches Ghetto drängen. Sie erfüllten vielmehr ihren Auftrag und verbreiteten die biblische Botschaft. Auf verschiedensten Arbeitsfeldern legten sie trotz aller Widrigkeiten Zeugnis ab für ihr Christ- und Kirche-Sein in einem weitgehend atheistisch geprägten Staat.