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Paul Oestreicher Manfred Stolpe: Ein Zeugnis und eine sehr persönliche Würdigung

Manfred Stolpe zum 80. Geburtstag … im Nachhinein
Ein Zeugnis und eine sehr persönliche Würdigung

Warum im Nachhinein? Weil der bemerkenswerte Sammelband zum 8o. Geburtstag Manfred Stolpes eine leicht erklärliche aber trotzdem bedauernswerte Lücke aufweist. Mit einer erfreulichen polnischen Ausnahme blieb es in dieser kollektiven Würdigung bei einer innerdeutschen Sicht auf einen Kirchendiplomaten und Politiker, dessen internationale Bedeutung diesen engen Rahmen sprengt. Der Kirchenbund der DDR hatte eine erstaunliche Ausstrahlung, die andere Kirchen, aber vor allem die EKD, beneideten. Ohne das Zeugnis der DDR-Kirchen wäre die christliche Ökumene eine beträchtlich ärmere gewesen.

Ich bin bei Weitem nicht der einzige und ganz bestimmt nicht der bedeutendste Begleiter, Kollege und Freund Manfred Stolpes aus dem Ausland. Eines unterscheidet mich von den Anderen: Im lutherischen braunen Thüringen, von Deutschen Christen beherrscht, wurde ich im Jahr 1931 geboren und acht Monate später von einem der wenigen Bekenntnispfarrern getauft. Mitglieder der sozialistischen Hertzsch-Familie, im Widerstand stehend, waren durch die dreißiger Jahre die engsten Freunde meiner Eltern. Klaus-Peter, zwei Jahre älter als ich und jüngst gestorben, war mein Kindheitsfreund. Mein Vater war bekennender Christ, galt aber seiner Herkunft nach als Jude. Siebenjährig wurde ich also unweigerlich zum Flüchtlingskind.

Im Jahr 1960 wurde ich – nach einem Studium der Politikwissenschaft in Neuseeland und in Bonn – in London zum anglikanischen Priester geweiht. Vier Jahre später wurde ich berufen, den Osteuropa-Ausschuss des britischen Kirchenrates als dessen Sekretär zu leiten. Mein Kollege John Arnold war dessen Vorsitzender. Später wurde er Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen und ich Leiter des Außenamtes des Kirchenrates, populär ausgedrückt, „Außenminister“ der britischen Ökumene. Meine Dienstjahre, zuletzt als Direktor des Zentrums für Internationale Versöhnung an der Kathedrale von Coventry, endeten mit meiner Emeritierung 1998.

Meine Verbindung und Freundschaft zu Manfred Stolpe lebt aber bis in die Gegenwart weiter. Er bleibt mein jüngerer, mir aber weit überlegener (dazu würde er nur halbwegs überzeugend den Kopf schütteln) und geliebter Bruder. Manfred weiß, wie viel er wert ist, seiner Frau, seiner Familie, seinem Land, seiner Kirche, seinem umfangreichen sozialen Umfeld. Das macht ihm sichtbare Freude. Menschenfreundlichkeit ist sein Name. Ich bleibe bei Manfred, also bei dem unter Kollegen in der angelsächsischen Welt selbstverständlichen Du.

Scherzhaft sagte ich in den langen Jahren des Kalten Krieges: „Meine Gemeinde beginnt an der Friedrichstraße in Berlin und endet in Wladiwostok.“ Meine siebenundsiebzig Besuche in der DDR hatten keinen guten, sondern einen eher ernüchternden Anfang. Im Jahr 1955 vermutete die Volkspolizei in mir einen Spion entdeckt zu haben und reichte mich weiter an die NKWD, Vorgänger des KGB. Mein neuseeländischer Pass sei wohl gefälscht. Nach zwei langen Tagen verwies mich mein „Gesprächspartner“ des Landes – nicht nach Sibirien, was damals in seiner Macht lag, sondern zurück in die Bundesrepublik Deutschland. Er glaubte mir, hatte aber nur begrenzten Glauben an sein eigenes Urteil. Mein damaliges Vorhaben, die Großmutter nicht weit vom Grenzgebiet zu besuchen, schien ihm doch zu riskant.

Aber Ende gut, alles gut. Sieben Monate später gelangte ich mit Hilfe von Otto Nuschke, dem Vorsitzenden der Ost-CDU, doch zu meiner Großmutter. Wer überreichte mir die notwendige Genehmigung? Die Büroleiterin von Nuschke, Christa Lewek, damals noch nicht Oberkirchenrätin im Dienst des Kirchenbundes. Die Kirchenzentrale in der Ostberliner Auguststraße wurde bei jeder dienstlichen DDR-Reise zu meinem Anlaufpunkt. Meine ersten Besuche bei dem Chef, Manfred Stolpe, waren durch seine sachliche Freundlichkeit gekennzeichnet. Durch die Jahre blieb das so. Die ökumenischen Beziehungen des Kirchenbundes – mein Anlass ihn aufzusuchen – waren bei dem gekonnten Juristen Stolpe von zentraler kirchenpolitischer Bedeutung, aber – wie ich mit der Zeit wahrnahm – zugleich auch seine Herzenssache. Die britischen Kirchen und auch die niederländischen spielten dabei für ihn eine wesentliche Rolle.

War die Auguststraße mein erster Anlaufpunkt, so war der zweite die Dienstelle des Staatssekretärs für Kirchenfragen der DDR. Schnell lernte ich von Manfred Stolpe, dass unsere gemeinsamen Anliegen in diesem realen Sozialismus weitgehend vom guten Willen des Staates (mit dem man nicht unbedingt rechnen konnte) abhingen. Den Weg zu Staatssekretär Hans Seigewasser und später zu Klaus Gysi ging ich selten allein. Der Chef sorgte für geschulte kirchliche Begleitung, meist in der Person von der anderen, der zweiten Christa im Stab des Kirchenbundes, Christa Grengel. Im Dienst für die Ökumene verband sie einen hellen Verstand mit diplomatischem Charme. Einen besseren Lehrmeister als ihren Chef hätte sie nicht haben können. Als zum ersten Mal ein DDR- Staatssekretär für Kirchenfragen nach Großbritannien eingeladen wurde, sorgte Manfred Stolpe für die passende kirchliche Begleitung. Er war davon überzeugt, Christa Grengel würde Klaus Gysi mit einem Lächeln das Nötige beibringen. Staat und Kirche Hand in Hand? Nicht unbedingt – jedenfalls nicht mit dieser Christa.

Es war für mich notwendig und nicht allzu schwer, das persönliche Vertrauen Seigewassers und seines Nachfolgers Gysi trotz ihrer sehr verschiedenen Veranlagungen zu gewinnen. Fern von aller Ideologie konnte, wollte, musste ich sie als Mitmenschen achten. Das war die Basis meines christlichen Dienstes und nur nebensächlich auch pragmatisch sinnvoll. Horst Dohle, der kluge persönliche Mitarbeiter beider Staatssekretäre, gehörte mit dazu. Nicht alle staatlichen und auch nicht alle kirchlichen Mitarbeiter konnten ein solch respektvolles Verhältnis gutheißen. Aber Manfred Stolpe tat dies mit Verstand und Wohlwollen und aus gutem Grund, denn er konnte mit gutem Gewissen mit dem staatlichen Gegner menschlich und risikobereit arbeiten. Der vermeintliche Gegner – insoweit er es war – blieb für ihn immer zuerst Mensch.

Also nun zu den späteren Beschuldigungen gegen diesen pflichtbewussten Diplomaten im Dienst seiner Kirche und deren Mitglieder verschiedenster Couleur. Die harten Urteile mancher Opfer des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (Stasi) waren zwar verständlich, aber in diesem Fall niemals berechtigt. Partisanen der DDR-Diktatur gab es in der Kirche – offene und geheime. In Manfred Stolpe hatten sie jedoch keinen Gleichgesinnten. Er erfüllte seine Pflicht mit scheinbar (scheinbar, denn wer kann in eine Seele schauen?) selbstsicherer Gelassenheit, eine seltene Gabe auf offener Bühne und zugleich hinter den Kulissen. Letzteres bedurfte eines einsamen Bündnisses mit dem eigenen Gewissen. Makellos? Wer viel riskiert, kann nicht immer Recht behalten. Manfred Stolpes Arbeitgeber, also die Bischöfe, haben ihm viel zugemutet. Die Objekte der Stasi brauchten sie nicht zu betreten. Wer hat wen dabei wohl über den Tisch gezogen? Niemand. Ein Mensch hat mit Menschen geredet und um die Rechte Anderer gerungen, und dies nicht im Streit, sondern womöglich im Einvernehmen. Immer der Vermittler, auch von Fall zu Fall mit dem Risiko, zu scheitern.

Ich behaupte das mit Überzeugung und aus eigener Erfahrung. Auch der Erfolg meiner eigenen Menschenrechtsarbeit hing in hohem Maße von der Unterstützung durch einen hochrangigen Offizier der Staatssicherheit ab. Hans Joachim Seidowsky war als Berater des Politbüros in Sachen Religion so etwas wie eine graue Eminenz mit erstaunlichem Einfluss. Bis in die höchsten Kirchenkreise blieb er ein Unbekannter. Auch unterhalb der Chefetage war das innerhalb der „Firma“ der Fall. Er war – was aus den Akten hervorgeht – der designierte Botschafter der DDR beim Vatikan, wäre es noch vor der „Wende“ zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und dem Vatikan gekommen. In seinen Berichten über mich, betitelt als „Abschöpfung des Oestreicher“, verwendet er niemals einen Decknamen. Sie waren ganz im Sinne meiner Aufgaben, die er respektierte, abgefasst. In Hans Seidowsky hatte ich einen verlässlichen Frenemy ... in einem Wort Freund und Feind zugleich. Manfred Stolpe brauche ich das gar nicht weiter zu erklären.

Ohne „Seido“, wie ich ihn seit langem und bis heute nenne, wäre viel Positives nicht möglich gewesen. Ich denke da zum Beispiel an die Genehmigung für eine Gruppe junger Christen aus Coventry, die nach Dresden fahren durften, um dort ein halbes Jahr zu leben und das Diakonissenkrankenhaus mit aufzubauen. Sie durften zudem unbegrenzt die DDR von Nord nach Süd, von Ost nach West bereisen. Über diese Initiative Coventrys in Zusammenarbeit mit Aktion Sühnezeichen in Zeiten des Kalten Krieges sind inzwischen zwei bewegende Bücher auf Englisch erschienen.

In den Jahren 1975 bis 1979 war ich Vorsitzender der britischen Sektion von Amnesty International. Im gesamten sozialistischen Lager galt a.i. als feindliche Organisation. Für die Sowjetunion, Ungarn und die Tschechoslowakei hatte ich seit dieser Zeit Einreiseverbot, für die DDR jedoch nicht. Ich glaube zu wissen, wem ich das zu verdanken habe. Hätte ich in der Sowjetunion einen vergleichbaren Beschützer gehabt, hätte ich vielleicht viel mehr Menschen helfen können. Hans Seidowsky war nicht nur Sachverständiger in Sachen Religion, sondern bis zur Wende zugleich Leiter der Auslandsabteilung des DDR-Fernsehfunks, also Filmexperte. Dies kam ihm nach dem Ende der DDR im internationalen Filmgeschäft zugute. Genau in meinem Alter, lebt er heute, schwer nierenkrank, in Warschau, wo er sein jüdisches Erbe pflegt, im Andenken an die vielen Familienmitglieder, die zu Opfern des Holocausts geworden sind. Für die bedingte Verteidigung seiner Laufbahn genügt ihm die Gewissheit, einem antifaschistischen Staat gedient zu haben.

Mit Manfred Stolpe konnte ich im Einvernehmen mit den verschiedensten Bischöfen – von Albrecht Schönherr bis Gottfried Forck – zusammenarbeiten. Hätte ich selbst in der DDR gelebt, wären wohl Werner Krusche, Heino Falcke, Christof Ziemer und Gottfried Forck meine Vorbilder – aber nicht allein diese – gewesen. Ich erlebte Manfred Stolpe gegen Ende der DDR als die rechte Hand des mutigen Bekenners Gottfried Forck. Nach einem mitternächtlichen Gespräch mit dem Berliner Bischof einigten wir uns, der Bischof und ich, über die Möglichkeit, zumindest einigen, die im Zusammenhang mit der Rosa-Luxemburg- Demonstration Anfang 1988 inhaftiert worden waren, zu helfen, um sie vor einer langen Haft oder einer Ausweisung nach Westdeutschland zu bewahren. Ich wollte ihnen die Möglichkeit schaffen, vorübergehend als Gast des Erzbischofs von Canterbury in England zu verweilen, mit dem Recht, nach sechs Monaten in die DDR zurückzukehren. Gottfried Forck besuchte die Gefangenen. Bärbel Bohley, Werner Fischer und Vera Wollenberger waren bereit, auf das Angebot einzugehen. Die Verhandlungen waren kompliziert. Ohne Manfred Stolpe wäre nichts gelaufen. Nur widerwillig hat die Stasi mitgespielt. Eine Rückkehr mit DDR-Pass wollte der Staat möglichst verhindern. Nicht nur die Gefangenen, sondern auch Forck und Stolpe bestanden auf dem Recht zur Rückkehr – mit Erfolg. Persönlich sorgte Manfred Stolpe in aller Stille für die vereinbarte Rückkehr. Dies war nur ein Beispiel von vielen für sein diplomatisches Geschick und seine menschliche Hilfsbereitschaft.

Als erfolgreichen Politiker im vereinten Deutschland habe ich Manfred Stolpe persönlich nicht erlebt. Im Ruhestand wirkt er erneut als Vermittler widerstreitender Positionen, wenn es um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche geht. Im Auftrag der Nagelkreuzgemeinschaft Coventrys, die ebenfalls versöhnend vermitteln sollte, stand ich zwischen den Fronten. Das gewagte Unternehmen unterstützte ich mit kritischer Solidarität und tue es auch weiterhin, nicht zuletzt, weil ich mit dem Verständnis Manfred Stolpes rechnen kann. Mit seiner Kompromissfähigkeit, die meine eigene übersteigt, wirkt er menschlich schlichtend und beruhigt auch heute die zum Teil überhitzten Gemüter.

Die deutsche Christenheit, die Ökumene und viele einzelne Menschen haben Manfred Stolpe, dem Friedensstifter und Versöhner – viel mehr als dem eher bekannten „Macher“ – sehr viel zu verdanken. Auch ich habe ihm ganz persönlich zu danken. Und das kam so: Im Dezember 1983 befand sich das Ost-West- Verhältnis auf Hochspannung. Die Stationierung von Mittelstreckenraketen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs – der sogenannte NATO-Doppelbeschluss – führte auf beiden Seiten zur Verschärfung aller Sicherheitsmaßnahmen. Gerade in diesem Monat wurde ich unerwartet um Hilfe gebeten. „Kennen Sie Barbara Einhorn?“, fragte mich ein Anrufer. „Leider nicht. Ich wollte sie aber schon lange kennenlernen.“ „Sie ist nach Ost-Berlin gereist, kam aber nicht wie vereinbart zurück. Wir befürchten, sie könnte verhaftet worden sein“, hieß es am anderen Ende der Leitung. „Sie sind doch mit ostdeutschen Verhältnissen vertraut und Experte in Fragen politischer Gefangenschaft. Können Sie helfen herauszufinden, was in Ost-Berlin passiert ist?“

Barbara Einhorn, eine in England lebende neuseeländische Dozentin, war im Auftrag der Friedensbewegung END (Campaign für European Nuclear Disarmament) in die DDR gereist, um die DDR-Gruppe „Frauen für den Frieden“ um Bärbel Bohley und Ulrike Poppe zum dritten Mal zu besuchen. Zweck des Besuches war es, auf Wunsch der Frauen, etwas über deren staatskritische Friedensarbeit in England zu veröffentlichen. International besser bekannt zu sein, würde ihnen eine gewisse Sicherheit geben, dachten sie. Die vom Staat unabhängigen Friedensaktivistinnen in West und Ost waren sich einig in ihrer grundsätzlichen Ablehnung von Atomwaffen in Ost und West. Das missfiel den Machthabern auf beiden Seiten.

Mir ging durch den Kopf: Wenn irgendeiner in meinem Umfeld herausfinden könnte, wo sich Barbara Einhorn aufhielt, dann kann das nur Manfred Stolpe sein. Ich rief bei ihm an und fragte ihn, ob er in der Lage sei, den Aufenthaltsort von Barbara Eichhorn herauszufinden. In weniger als 24 Stunden rief er zurück: „Barbara Eichhorn sitzt in einem Stasi-Gefängnis. In Ost-Berlin.“ In kürzester Zeit organisierten wir eine groß angelegte Aktion zur Befreiung der Inhaftierten. Die DDR-Regierung hatte sich entgegen dem internationalen Recht geweigert, ihre Verhaftung bekannt zu geben. Damit galt sie offiziell als vermisste Person. Die neuseeländische und die britische Regierung, die einschlägige Presse und bekannte Persönlichkeiten im In- und Ausland erhoben Protest. Nach fünftägigem Verhör wurde die Anklage der „staatsverräterischen Tätigkeit“ fallen gelassen und die vermeintliche Verbrecherin des Landes verwiesen. Zu Weihnachten 1983 war sie bei ihrem damaligen Mann und ihren Kindern wieder daheim.

Ende gut, aber alles noch nicht gut. Bärbel Bohley und Ulrike Poppe blieben in Haft. Ich rief in London eine Sitzung der END DDR-Arbeitsgruppe ein, um zu beraten, wie wir den Frauen helfen könnten, freizukommen. Barbara Einhorn kam dazu. Es war der 8. Januar 1984. Etwa drei Wochen später waren auch diese beiden Frauen frei.

Am 17. Mai 2002 heirateten Barbara und ich im Berliner Standesamt Mitte. Im Frühjahr 1939 waren Barbaras und meine Eltern aus dem Berlin Adolf Hitlers nach Neuseeland ins Asyl geflüchtet. Ein Kreis hatte sich geschlossen.

Danke Manfred, für Dein wesentliches Mittun an unserer romantischen Geschichte.