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Dr. Christa Stache Laudatio: Horst-Dähn-Preis 2016

Der Horst-Dähn-Preis 2016 wurde am 15. Oktober 2016 aus Anlass des 23. Gründungstages des Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung sowie des vierten Todestages von Prof. Dr. Horst Dähn an Dr. sc. Joachim Heise für seine Verdienste bei der Erforschung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche, der Geschichte der Kirchen und des Alltags der Christen in kommunistisch regierten Ländern, speziell der DDR, sowie bei der Leitung des Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung verliehen.

Liebe Frau Dähn, lieber Herr Noack, lieber Achim, sehr geehrte Damen und Herren,

in diesem Jahr wird mit dem Horst-Dähn-Preis jemand ausgezeichnet, der diesen Preis schon lange und vor allen anderen verdient hat. Joachim Heise hat sich wie kein anderer um die Erforschung des Verhältnisses von Staat und Kirche in der DDR verdient gemacht. Seine ganz besondere Leistung aber liegt in dem, was er zum Wachsen und Gedeihen des Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung beigetragen hat.

Nachdem die beiden anderen Laudatoren die wissenschaftlichen Leistungen des Jubilars gewürdigt haben, will ich kurz über meine Erfahrungen mit Achim Heise in den vielen Jahren unserer Bekanntschaft berichten, schließlich kenne ich ihn länger als die meisten anderen Anwesenden.

Als Joachim Heise und ich uns im Jahr 1988 das erste Mal begegneten, lebten wir noch in zwei verschiedenen Welten, eine großen Mauer lief mitten durch Berlin, ihre Überwindung – zumal von Ost nach West – war eher die Ausnahme, solange man noch nicht als Rentner zum Einkaufen nach Berlin West fahren durfte. So erzeugte es bei uns, im Evangelischen Zentralarchiv, damals in Berlin-Charlottenburg untergebracht, etwas Unruhe, als ein gewisser Dr. Joachim Heise, Dozent am Institut für Geschichte an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, auftauchte und Archivgut zur Kirchenpolitik der DDR einsehen wollte. Dass Kirchenhistoriker aus der DDR unser Archiv für ihre Forschungen besuchten, das kam ja immer wieder vor. Aber dass ein Allgemeinhistoriker aus der roten Kaderschmiede bei uns erschien, das war sehr bemerkenswert. Er fiel auch gleich unangenehm auf, weil er nicht auf dem normalen Weg über einen Antrag bei der Archivleitung, sondern gewissermaßen durch die Hintertür, über persönliche Beziehungen versuchte, sich den Zugang zum Archiv zu verschaffen – das war schon sehr verdächtig. Erst nach einem längeren internen Diskussionsprozess sind wir schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass er vielleicht doch kein gefährlicher Spitzel ist und dass sein ungewöhnlicher Weg ins Archiv eher als Ungeschicklichkeit denn als Hinterhältigkeit einzuordnen war. Andererseits verdiente es durchaus Anerkennung, wenn ein Allgemeinhistoriker der DDR für seine Arbeit über die Kirchenpolitik nicht nur die eigenen Quellen auswertete, sondern auch die kirchliche Gegenüberlieferung in seine Forschungen einbeziehen wollte. Er sollte also wie ein normaler Archivnutzer behandelt werden und wurde – wie ich hoffe – bei seinen beiden Besuchen im EZA 1988 und 1989 gut und intensiv bei seiner Forschungsarbeit beraten und unterstützt. Wie Achim mir später erzählte, war er nicht nur für uns in Westberlin eine fremdartige Erscheinung, sondern er wurde in seinem Bestreben, die Kirchenpolitik der DDR zu erforschen, auch bei seinen Kollegen an der Akademie als ein etwas exotisches Wesen betrachtet, denn von denen interessierte sich natürlich kaum einer für Kirchenpolitik.

Damit sind wir bei wichtigen Eigenschaften unseres Preisträgers:

  • er ist nicht so leicht in eine Schublade einzuordnen,
  • er schwimmt nicht im Main Stream,
  • er entwickelt seine eigenen Ideen und Pläne, die zuweilen seiner Umgebung etwas befremdlich erscheinen,
  • er setzt alles daran, seine Vorhaben zu verwirklichen und kümmert sich dabei nicht so sehr darum, was andere Menschen dazu meinen, sondern verfolgt beharrlich sein Ziel.
  • Dabei versucht er aber nicht, Hindernisse durch Konflikte und Streit zu beseitigen, sondern er bleibt flexibel und ist bestrebt durch Worte zu überzeugen und günstige Gelegenheiten zu nutzen.
  • Und er hat sich schon mit Kirchenpolitik beschäftigt, als das noch nicht unbedingt opportun war.

Als wir uns das nächste Mal begegneten, hatte sich die Welt verändert. Achim war nun abgewickelter DDR-Historiker auf der Suche nach einer neuen Aufgabe; ich selbst hatte mittlerweile meinen Dienstsitz von der Jebensstraße in die Ziegelstraße verlegt und war dort die Leiterin der Außenstelle des EZA im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, wo die Altakten aus dem Sekretariat des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR lagerten, archivisch bearbeitet und für die Benutzung zur Verfügung gestellt wurden.

Dort flatterte eines Tages eine Einladung ins Haus, die mich neugierig machte. Der Mannheimer Historiker Horst Dähn, der mir durch seine Arbeit über Staat und Kirche in der DDR durchaus ein Begriff war, und Joachim Heise luden zusammen zu einer Veranstaltung zur Kirchenpolitik in der DDR ein. Das genaue Thema habe ich vergessen, aber die Konstellation war interessant: Professor aus dem Westen und abgewickelter Dozent aus dem Osten machen zusammen eine Veranstaltung, bei der Protagonisten der staatlichen Kirchenpolitik in der DDR mit Vertretern der Kirchen zusammen sitzen und über ihre gemeinsame Vergangenheit diskutieren sollten. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie aufgeheizt in dieser Zeit, Anfang der 1990er Jahre, die Atmosphäre war, welche unqualifizierten Angriffe, polemischen Auslassungen und falschen Verdächtigungen in diesen Jahren auf die Kirchen in der DDR und ihre verantwortlichen Persönlichkeiten hernieder prasselten, so ist es schon bemerkenswert, dass zwei Historiker den Mut fanden, sich gegen den Mainstream zu stellen und zu versuchen, diejenigen, die im politischen und ideologischen Kontext der DDR entschiedene Kontrahenten waren, nun an einen Tisch zu bringen.

Die ersten Veranstaltungen fanden in den engen, finsteren, etwas muffigen Räumen der Quäker in der Planckstraße statt, im Hinterhof, weit abseits von Öffentlichkeit und ohne Medienpräsenz. Aber gerade das war vielleicht eine Voraussetzung für das Gelingen der Veranstaltungen, dass hier Menschen, die ehemals auf verschiedenen Seiten der politischen Bühne gestanden und gehandelt hatten, sich treffen und sich über ihre Überzeugungen, Erfahrungen und Absichten, aber auch über alte Enttäuschungen und Verletzungen austauschen konnten. Die Diskussionen waren in den ersten Jahren manchmal sehr heftig und es bedurfte oft einer geschickten Moderation, um die Auseinandersetzungen in geordneten Bahnen zu halten. Aber es war offensichtlich, dass dieses Experiment, das Horst Dähn und Joachim Heise hier gewagt hatten, einem starken Bedürfnis nach Gespräch und Begegnung entsprach.

Dass daraus allerdings eine Unternehmung werden würde, die über Jahrzehnte aktiv bleiben und wichtige und anerkennenswerte Arbeitsergebnisse vorlegen würde, war zunächst keineswegs klar. Horst Dähn und Joachim Heise waren ein sehr effizientes Gespann, auch wenn sie – oder gerade weil sie – Menschen mit sehr unterschiedlichem Temperament waren. Horst Dähn war der wissensdurstige, akribische Historiker, der ganz in seinen Forschungen lebte, in seinem persönlichen Auftreten aber bescheiden und zurückhaltend war. Achim Heise, gleichermaßen ein begeisterten Historiker, aber temperamentvoll und nach außen gewandt, auf die Menschen zugehend und Kontakte knüpfend. Er vermochte es, Menschen zusammenzubringen, für eine Sache zu begeistern und in seine Vorhaben einzubinden. Das war auch bitter nötig, denn über eine solide finanzielle Basis hat das Institut nie verfügt. Das Unterfangen konnte nur gelingen, weil viele Menschen bereit waren, ehrenamtliche Arbeit zu investieren und private Unterstützung zu leisten.

Andererseits war für den Erfolg der Institutsarbeit wichtig, dass es immer wieder gelang, attraktive Persönlichkeiten als Referenten und Gesprächspartner für die Veranstaltungen zu gewinnen. Im Laufe der Jahre war ein großer Teil der DDR-Prominenz aus Staat und Kirche im Institut zu Gast, aber auch so mancher Politiker und Kirchenmann aus Westberlin und der BRD; in späteren Jahren hielten sogar Historiker aus dem Westen Vorträge, die in den Anfangsjahren noch die Nase gerümpft hatten über die Arbeit des Instituts. Sicher war dafür einerseits die besondere Atmosphäre der Veranstaltungen wichtig; noch wesentlicher war, dass Achim Heise eine große Begabung hat, Kontakte zu knüpfen, mit Freundlichkeit, Offenheit und Gesprächsbereitschaft auf Menschen zuzugehen und sie durch Worte – manchmal auch durch sehr viele Worte – zu überzeugen, sie für seine Vorhaben zu gewinnen und sie vielleicht auch zu etwas zu überreden, dass sie eigentlich gar nicht so gern wollten. Falls sich jemand seinem Charme widersetzt und ihm eine Absage erteilt, ist er aber auch nicht lange beleidigt oder entmutigt, sondern versucht es bei nächster Gelegenheit von neuem.

Den Erfolg des Instituts hat Achim Heise außerdem sehr befördert mit seinem unerschöpflichen Reichtum an Ideen. Er hat es geschafft, immer wieder neuen Schwung in die Arbeit des Instituts zu bringen. Er hat stets interessante Themen gefunden und neue Veranstaltungsformen ausprobiert. Er hat sich auf die unterschiedlichsten Kooperationspartner eingelassen und hat sich mit ihnen um der Sache willen zusammengerauft – auch wenn es manchmal nicht ganz leicht war, wie ich aus eigenem Erleben weiß. Denn sein Temperament konnte in hitzigen Diskussionen auch mit ihm durchgehen, so dass eine mäßigende Stimme nötig war, um ihn wieder auf den Boden zu bringen.

Ich habe im Vorfeld dieser Preisverleihung in der Website des Instituts das "Archiv" durchgesehen und war im Nachhinein erstaunt über die Fülle und Breite an Themen, die im Laufe der Jahre im Rahmen des Instituts behandelt worden sind. Natürlich waren zuweilen auch Projekte dabei, die in der Realität wie Seifenblasen zerplatzten, ich denke z.B. an den Plan, ein Museum zur DDR-Geschichte in den vorübergehend leer stehenden Räumen in der Neuen Grünstraße 19 zu errichten. Wir hatten uns ja ein recht überzeugendes Konzept dafür ausgedacht, und es wäre schon eine tolle Sache gewesen so mitten in Berlin, wo die Immobilienpreise in die Höhe schießen, in einem attraktiven, geschichtsträchtigen Altbau so ein Museum zu betreiben, natürlich zu einem lächerlich geringen Mietpreis. Es war zunächst nur für eine befristete Zeit geplant, aber aus manchen Provisorien werden Dauereinrichtungen. Ist nichts daraus geworden – aber träumen ist manchmal nötig.

Ich fand es auch immer sehr bewundernswert, wie Achim Heise die besonderen Fähigkeiten der Hilfskräfte, die ihm zur Verfügung standen, einsetzen und daraus neue Projekte entwickeln konnte. Auf diese Weise sind die TV-Sendungen des Instituts im Internet zustande gekommen. Ich war schon etwas skeptisch, als er mir eines Tages kurz vor einer gemeinsam geplanten Veranstaltung über die Beziehungen der EKU zur UCC eröffnete, dass die Veranstaltung aufgezeichnet wird und dann in Auszügen über You Tube ins Internet gestellt werden soll. Aber Widerstand wäre vermutlich zwecklos gewesen, er hätte mich doch überredet.

Ich konnte längst nicht alle seine Verdienst um das Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung hier würdigen. Ich konnte nur einige Aspekt, die mir während der Zeit, in der ich die Arbeit beobachtet habe, und während der Zeit unserer Kooperation besonders aufgefallen sind, hier in Erinnerung rufen. Ich habe auch nicht alle Ideen und Projektpläne, die schon einmal besprochen worden sind, aber noch auf ihre Realisierung warten, hier erwähnt. Man kann da sicher noch auf das eine oder andere gespannt sein, schließlich bist du ja noch jung – noch keine 70!

Eines möchte ich zum Schluss aber noch hervorheben: es war für dich, lieber Achim, ein großes Glück, dass du bei allem, was du geplant und ins Werk gesetzt hast, stets die verständnisvolle Begleitung und Unterstützung deiner lieben Frau hattest. In den letzten Jahren, als sie auch aktiv in die Arbeit im Institut einbezogen war, hat sie mancher Unternehmung eine besondere Note gegeben – auch wenn sie stets dir die Bühne im Vordergrund überlässt und selbst eher im Hintergrund bleibt.

Lieber Achim, ich freue mich, dass du in diesem Jahr als Horst-Dähn-Preisträger ausgewählt worden bist und gratuliere dir herzlich zu dieser Auszeichnung.

Dr. Ulrich Schröter Laudatio: Horst-Dähn-Preis 2016

Der Horst-Dähn-Preis 2016 wurde am 15. Oktober 2016 aus Anlass des 23. Gründungstages des Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung sowie des vierten Todestages von Prof. Dr. Horst Dähn an Dr. sc. Joachim Heise für seine Verdienste bei der Erforschung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche, der Geschichte der Kirchen und des Alltags der Christen in kommunistisch regierten Ländern, speziell der DDR, sowie bei der Leitung des Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung verliehen.

Sehr verehrte Frau Heise, sehr verehrter Herr Heise, sehr verehrte Frau Dähn, meine Damen und Herren,

I

Kennen Sie das Pseudonym Frédéric Hartweg?

Na, so ganz stimmt es ja auch nicht mit der Bezeichnung „Pseudonym“. Darunter sind gleich zwei Verfasser subsumiert: Horst Dohle, der Erstlaudator, und unser Preisträger Joachim Heise mit den beiden Bänden SED und Kirche. Eine Dokumentation ihrer Beziehungen. Frédéric Hartweg ist keine freie Erfindung, sondern ein Mensch von Fleisch und Blut, der die beiden Bände beim Neukirchener Verlag herausgebracht hat. Er wurde offensichtlich vom Verlag gebeten, als Herausgeber zu fungieren. Das hat allerdings Folgen. Im Ger­ma­nisten­ver­zeich­nis findet sich unter Frédéric Hartweg „Ausgewählte Monographien (Pa)“ auch das besagte Werk: SED und Kirche, zwei Bände, Neukirchen 1995, als handele es sich hier um ein durch und durch von Hartweg gestaltetes Eigenwerk. Und es gibt Bücher, die nur Hartweg zitieren (Cornelia von Ruthendorf-Przewoski: Der Prager Frühling und die evangelischen Kirchen in der DDR (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, hg. im Auftrag der Ev. Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte von Siegfried Hermle und Harry Oelke, Reihe B: Darstellungen, Bd. 60) Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2015, bes. S. 87, Anm 243 „Vgl. HARTWEG, SED und Kirche, 29“). Das alles ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Beiträge Hartwegs in Form jeweiliger Vorworte enthalten nichts, was nicht auch in den Einführungen von Heise und Dohle hätte stehen können, bieten darüber hinaus manche sachliche und wörtliche Doublette zu Heise. Sie sind außerdem nicht mit den Registern verschränkt worden. Wissenschaftsgeschichtlich liegt hier ein ähnliches Phänomen vor wie bei Strack-Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch in 5 Bänden, München 1922 – 1928, bei denen der alleinige Verfasser Paul Billerbeck allerdings im Titel immer noch mitgenannt wird. Dabei hatte Hermann L. Strack nur seinen gewichtigen Namen zur Verfügung gestellt und nur den ersten Band durchgesehen, war dann verstorben.

Man kann aber die Herausgabe durch Frédéric Hartweg auch positiv deuten. Offenbar waren Dohle und Heise auch im Westen so bekannt, dass man meinte, es nicht wagen zu dürfen, sie als Verfasser ungeschminkt zu nennen. Insofern ist das dann auch eine laudatio sui generis. Und so ganz unbekannt kann man ja auch nicht sein, wenn man wie Joachim Heise als Assistent und Dozent am Institut für Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED tätig war.

II

Heben wir nun ganz kurz das Verdienst des ersten Bandes von SED und Kirche hervor. Entsprechendes gilt auch für den zweiten.

Joachim Heise konnte auf seine Promotion A zurückgreifen: Geschichte der Kirchenpolitik der SED, 1983. Es ist die eigene Denkbewegung der Dokumente, ihre Einbettung in den Gesamtzusammenhang, das Vermögen des Bearbeiters die wesentlichen Dokumente herauszufiltern und kurz und knapp in das jeweilige Zeitgeschehen einzubetten.

Ich möchte mit dieser wissenschaftlichen Leistung Joachim Heises einen grundsätzlichen Gedanken verbinden. Und zwar diesen: Es ist wichtig, dass sich frühere Leistungsträger an dem Bemühen beteiligen, in neuen Zeiten und neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten die früheren Zeiten angemessen verstehen zu helfen. Wer je in einem Institut oder einer Behörde oder auch nur in einem kleineren Betrieb gearbeitet hat, weiß, dass es Betriebsgeheimnisse gibt, die nicht nur technischer Art sind. Neben vielem Verschrifteten gibt es eine Vielzahl mündlichen Wissens, das sich so nicht in den schriftlichen Hinterlassenschaften findet. Und die Einbettung vieler schriftlicher Hinterlassenschaften ist von außen nicht leicht erkennbar, ja auch in ihrer Gewichtung missdeutbar.

Von daher ist es lobenswert, wenn sich frühere Leistungsträger innerhalb der neuen Verhältnisse und neuen gesellschaftlichen Lage mit einbringen. Joachim Heise hat die damit auch verbundene Problematik selbst reflektiert:

„Ich habe lange gezweifelt, ob ein Historiker wie ich, der 10 Jahre lang an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED gearbeitet und versucht hat, Kirchenpolitik der SED in den fünfziger Jahren zu erforschen, überhaupt kompetent ist, heute über die Kirchenpolitik der SED zu schreiben. Dies werden nicht wenige Leser bestreiten. … Ich bin betroffen als einer, der 20 Jahre in dieser Partei Mitglied war und der die DDR für eine vernünftige, menschliche, gerechte Alternative zu dem untergegangenen Deutschen Reich und zur „westlichen Ellenbogengesellschaft“ gehalten hat. Ich bin betroffen als einer, der die DDR-Gesellschaft nicht für das Ende aller Gesellschaftsträume, sondern für verbesserlich gehalten hat.“ 1

Und dann kommt ein Satz, der von dem Rezensenten Clemens Vollnhals2 angezweifelt wird:

„Ich bin betroffen als einer, der sich mit der Geschichte der Kirchenpolitik beschäftigt hat, nicht weil er den Kirchen in diesem Land DDR schaden und Christen das Leben schwermachen wollte, sondern der der Meinung war, daß die Gräben, die es in der DDR-Gesellschaft zwischen Christen und Mitgliedern der SED gab, überwunden werden müßten.“3

Und in der Tat liegt hier ein Problem. Ich sehe mich nicht in der Lage, über die damaligen Interessen Joachim Heises im Einzelnen zu befinden. Auch habe ich seine schriftlichen Äußerungen vor 1989 nicht eingesehen. Und selbst dann würde ich schwerlich über die damalige innerste Haltung Joachim Heises profund Auskunft gegeben können. Was ich aber beurteilen kann, ist dies: dass er in der neuen Aufgabe innerhalb des „Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung“ sich fair, initiativreich und produktiv eingebracht hat. Daher erhält er ja auch zu Recht den Horst-Dähn-Preis 2016 verliehen.

III

Aber ich möchte bei dem Wechsel der Systeme noch ein wenig verharren. Ich möchte besonders auf den keineswegs leichten persönlichen Wechsel von der einen Seite der Barrikade zur anderen hinweisen. Auf feinere Differenzierungen muss ich dabei verzichten. Aber so viel ist doch deutlich. Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass im gesamten kommunistischen Bereich – angefangen in Russland und dann weiter in der Sowjetunion und den von ihr abhängigen sozialistischen Ländern –, es kann keinen Zweifel darüber geben, dass es an einem echten Willen gefehlt hat, die Eigenheiten der Religionsgemeinschaften zu verstehen und vor allem zu respektieren. Die Religionsgemeinschaften wurden bekämpft. Massiv vor allem am Anfang, aber auch später immer wieder einmal. Auf jeden Fall ist nicht zu verkennen, dass selbst in scheinbar ruhigeren Zeiten die Zielrichtung unverändert blieb. Christen wurden im Bildungsbereich und höheren Berufszweigen benachteiligt. Ausnahmen sollten das grundsätzliche Vorgehen verschleiern. Das Zurückdrängen kirchlichen Einflusses wurde taktisch immer mehr verfeinert. Ideologisch war und blieb klar: Glaube ist etwas von vorgestern, ist rückschrittlich, überholt und deshalb übergehbar. Und dabei war die Religionspolitik in der DDR noch die gelindeste – verglichen mit den anderen sozialistischen Ländern. Doch auch hier gab es in den fünfziger Jahren einen regelrechten Kirchenkampf, hier gab es bleibend die immer neuen Versuche, durch Veranstaltungsordnungen die Außenwirkung zu beschneiden und Kirche nur auf den innerkirchlichen Bereich, nicht aber im gesellschaftlichen Prozess wirksam werden zu lassen. Die Selbstverbrennung Oskar Brüsewitz’ richtete sich insbesondere gegen die Erziehungspolitik. Sie traf den Nerv. Das zeigt auch die Tatsache, dass sich das Erziehungsministerium bis zur Wende strikt dem kirchlichen Wunsch zu einem sachbezogenen Gespräch entzogen hat. Kirche und besonders der Glaube ihrer Anhänger war und blieb ideologisch gesehen kein positives Thema. Und wer dennoch gegen Ende der DDR auf eine substantielle Besserung verweisen will, sei an die Zensureingriffe in kirchliche Sonntagsblätter erinnert. Und hierher gehört auch die Teilnahme von Erich Honecker an der Einweihung des Greifswalder Domes am 11. Juni 1989. Sie hätte die Qualität einer Signalwirkung haben können, wurde aber am gleichen Tag dadurch konterkariert, dass bei dem anschließenden Empfang Bischof Gottfried Forck – natürlich auf staatliche Rücksichtnahme hin – die Teilnahme verwehrt wurde.

Ich habe selbst die Ernüchterung erleben müssen, dass wir in der DDR seitens des Staates nie zu einem wirklich wohlwollenden Verhältnis zu den Kirchen gekommen sind, so sehr sich umgekehrt viele Christen bemühten, sich gesellschaftlich voll einzubringen. Das Verhältnis wurde – ich hebe das nochmals hervor – je nach politischer Situation nur taktisch gemildert. Der Versuch einer langsamen Unterwanderung der Kirchen durch die SED mithilfe des MfS ist nur zu gut belegt. So gab es unter anderem die Delegierung von überzeugten Genossen für das Theologiestudium, mit vorgetäuschtem Glauben, taktisch vollzogener Taufe usw. usw. Es gab die Einschleusung von Offizieren im besonderen Einsatz wie Konsistorialpräsident Detlef Hammer in Magdeburg (Harald Schultze, Waltraut Zachhuber, Spionage gegen eine Kirchenleitung: Detlef Hammer. Stasi-Offizier im Konsistorium Magdeburg. Gespräche. Dokumente, Recherchen, Kommentare, Magdeburg 1994) Vertrauensvolle Partnerschaft sieht anders aus.

Kurz, wer auch immer auf der staatlichen Seite der Barrikade stand und an ideologischen Grundsatzfragen bei der SED, im ZK, beim MfS und bei Kirchenforschungen in der DDR-Zeit tätig war, wird es schwer gehabt haben, die Kirchen und ihre Mitglieder in derem Selbstverständnis zu fördern. Gewollt war ideologisch und politisch etwas anderes, nämlich das Herausdrängen kircheneigener Mitbestimmungsversuche, das Herausdrängen von Christen mit christlich motivierten Gestaltungsansätzen.

Und nun die Wende und der Neuanfang – in einer neuen gesellschaftlichen Situation und in einer kirchenfreundlichen Atmosphäre. Hier sich mit seinem bisherigen Forschungswissen einzubringen, benötigt nicht nur eine neue Sprachform, sondern auch eine Neubestimmung des Denkens und Wollens. Keine leichte Aufgabe. Nicht nur bei der eigenen Umorientierung. Auch dadurch, dass Außenstehende ihre Zweifel äußern.

IV

Joachim Heise resümiert:

„Ich hatte das große Glück, in meinem Leben mehrfach Christen begegnet zu sein, denen Liebe und Vergebung wichtiger ist als Haß und Rache und denen ich mich in ihrem Engagement für eine bessere Welt tief verbunden fühle. Diese Begegnungen und meine eigenen religiösen Erfahrungen in meiner Jugend haben mich in meinem Leben, so hoffe ich, vor einem primitiven Atheismus, vor Intoleranz und Arroganz im Umgang mit Christen bewahrt.“

Ich möchte das zum Schluss so aufnehmen: Mögen wir auf dem Weg der gegenseitigen Toleranz bleiben. Möge es weiter gelingen, unsere unterschiedlichen Erfahrungen gerade auch bei dem Rückblick auf das Geschehen in der DDR und anderen Ländern einzubringen. Mögen wir im Ausblick auf die vielfältigen gegenwärtigen und künftigen Problemlagen im Verhältnis von Staat und Kirche offene Augen und Ohren haben.

Mein Respekt gilt dem Preisträger. Er ist das Wagnis eingegangen, sich mit Sachverstand, Demut und hohem Engagement in diesen Prozess einzubringen. Joachim Heise erhält den diesjährigen Horst-Dähn-Preis zu Recht.

Prof. Dr. Horst Dohle Laudatio: Horst-Dähn-Preis 2016

Der Horst-Dähn-Preis 2016 wurde am 15. Oktober 2016 aus Anlass des 23. Gründungstages des Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung sowie des vierten Todestages von Prof. Dr. Horst Dähn an Dr. sc. Joachim Heise für seine Verdienste bei der Erforschung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche, der Geschichte der Kirchen und des Alltags der Christen in kommunistisch regierten Ländern, speziell der DDR, sowie bei der Leitung des Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung verliehen.

Meine Damen und Herren, verehrte Weggefährten,

diese Anrede ist ganz bewusst gewählt. Denn fast alle heute hier Anwesenden sind auf die eine oder andere Weise Weggefährten von Joachim Heise, zu dessen Würdigung wir zusammen gekommen sind. Beginnen wir mit einer Frage: Hätte sich jemand von Ihnen vor 26 Jahren vorstellen können, dass wir heute und hier dem damaligen SED-Mitglied und Mitarbeiter der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED Joachim Heise einen Preis verleihen, der den Namen des westdeutschen Politikwissenschaftlers Horst Dähn trägt? Diese Frage stellen, heißt sie zu beantworten.

Damals, also vor 26 Jahren, hatte Joachim Heise sein wissenschaftliches Lebensthema bereits gefunden. Es hatte mit Kirche, Kirchenpolitik, Kirchengeschichte, mit christlichem Glauben in der Gesellschaft zu tun. Bei seiner Biographie war das damals ziemlich exotisch.

Dieser Flüchtlingsjunge wurde also 1946 in einem kleinen Dorf nördlich von Berlin in Brandenburg geboren. Als er in die Schule kam, hieß das Land aber nicht mehr so, sondern daraus wurden mehrere Bezirke. Er hat damals nicht bewusst wahrgenommen, dass der Vorgang nicht nur ein Verwaltungsvorgang, ein Namenswechsel war, sondern ein Bruch an landesgeschichtlicher Identität. Er geht zur Schule, macht sein Abitur, studiert, wird Geschichtslehrer, Historiker und gelangt schließlich an die vorerwähnte Akademie. Deren Aufgabe sollte exklusiv – ihr Name sagt es – Politikberatung der SED-Führung sein. Auch wenn diese sich – wie Joachim Heise sehr bald erfahren musste – kaum oder gar nicht beraten ließ. Es gab aber in diesem Hause intelligente Denker, die durchaus hellsichtig sahen, was in dieser DDR reformiert werden müsste, wo sich Defizite und schwere Konflikte entwickelten.

Freilich wollten sie für notwendig gehaltene Veränderungen – in guter preußischer Tradition – von oben und innen, nicht von unten und außen. In diesem Umfeld wurde folgerichtig in den 1980er Jahren das Thema „Kirche“ als ein Thema der DDR-Gesellschaft begriffen und zugelassen. Schließlich erwiesen sich entgegen früherer Annahmen auch nach über 30 DDR-Jahren die Kirchen als eine sehr lebendige Größe. Und so kam Joachim Heise zu seinem wissenschaftlichen Lebensthema. Er promovi2erte, er habilitierte sich. Die archivalischen Quellen freilich, die ein Historiker dazu brauchte, wurden ihm vorausgewählt zugeteilt – die „Hüter der Tontäfelchen“ sorgten sich – wie zu allen Zeiten – schon darum, dass ihre Herrschaft nicht bezweifelt, besser noch: bestätigt und legitimiert wurde. Und so schrieb Joachim Heise über die Kirchenpolitik der SED, über die „schöpferische Fähigkeit“ der SED, auch „komplizierte Probleme“ ganz marxistisch und natürlich immer richtig zu lösen. Diese Texte heute zu lesen, fällt schon nach wenigen Seiten sehr schwer. Aber: ich habe damals auch so geschrieben, und einige Hundert weitere Intellektuelle in der SED auch. Man muss beim Lesen lange in den Nebensätzen suchen, um ansatzweise Kritik und Reformideen zu finden. Aber Kenner der Kirchen- und Theologiegeschichte wissen doch, dass auch in ihrer Geschichte eine Kritik am herrschenden System selbst in homöopathischen Dosen eine Veränderung einleiten konnte. Und Joachim Heise kannte, als er schrieb, natürlich Horst Dähns kleines Büchlein über die SED-Kirchenpolitik als einer Mischung aus Kooperation und Konfrontation.

Nach 1990 hat Joachim Heise seine Befindlichkeit als schreibender Zeithistoriker in einem SED-Institut mehrfach in ein eindrückliches Bild gefasst: Man bekam einen Geschichtsrahmen vorgegeben. Den durfte man ausmalen. Über die Ränder hinaus zu malen war nicht erwünscht, wurde anfangs scharf, später weniger scharf geahndet. Man malte also nicht über den Rand hinaus, aus welchen Gründen auch immer: aus Überzeugung, aus Feigheit, durch Selbstzensur.

Was aber an Heises Graduierungsarbeiten und allen späteren Texten von ihm auffällt, ist dies: an keiner Stelle redet er zynisch, verächtlich von Christen und Kirchen. Der SED-übliche Gossenton, Christen als Vorgestrige, als Zurückgebliebene, noch nicht Reife, Abergläubische lächerlich zu machen, fehlt bei Heise. Menschliche Begegnungen mit Christen in seiner Brandenburger Kinder- und Jugendzeit haben ihn wohl davor geschützt. Dieser Anstand war neben der fachlichen Qualifikation eine der wichtigsten Voraussetzungen für ihn, die Herausforderungen der Nachwende-Zeit zu bestehen.

Einige Jahre nach seinen akademischen Graduierungen veröffentlichte Joachim Heise 1988 gemeinsam mit einem Kollegen das Büchlein Fragen an die Geschichte der DDR. Diese Fragen wurden locker, salopp und ohne das sonst übliche propagandistische Geschwurbel gestellt – und beantwortet, also z.B.: „Was geschah am 17. Juni 1953?“ oder „Warum wurde die Mauer gebaut?“. Einige dieser Fragen betrafen auch das Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR. War die Tatsache selbst für eine populäre Veröffentlichung schon ungewöhnlich, so noch mehr der Ton, in welchem Heise die Antworten schrieb. Da war die Rede davon, dass in der DDR der Sozialismus im Mutterland der Reformation mit mehrheitsprotestantischer Bevölkerung errichtet wird, da wird sachlich und ausführlich über das Treffen vom 6. März 1978 zwischen Erich Honecker und dem Vorstand der KKL informiert usw. Ein sehr kundiger Rezensent des Büchleins hat dann auch im CDU-Zentralorgan solche Aussagen Heises als Ausdruck „marxistischen Dialogwillens“ verstanden. Wer Heises Texte aus den 1980er Jahren vergleicht, dem fällt eine sprachliche Entwicklung, eine solche der Begrifflichkeit auf: es geht von der holzschnittartig-apodiktischen, gestanzten Sprache zu mehr Elastizität, Differenziertheit, zu mentaler Einfühlung in die Denkwelt der kirchlichen Akteure.

Das ist umso bemerkenswerter, als sich diese Entwicklung bei Joachim Heise auf dem Hintergrund einer höchst widerspruchsvollen kirchenpolitischen Entwicklung in den 1980er Jahren vollzog: er hat die würdelose und primitive Jagd auf jene Jugendlichen erlebt, die den Flyer „Schwerter zu Pflugscharen“ an der Kleidung trugen; er hat mit der Luther-Ehrung von 1980–1983 die größte und wirksamste öffentliche Präsenz der evangelischen Kirchen in der gesamten DDR-Zeit erlebt, er hat das Treffen zwischen Erich Honecker und Landesbischof Johannes Hempel 1985 in Dresden erlebt, den evangelischen Kirchentag in Berlin, das erste Katholikentreffen 1987 in der DDR, den Olof-Palme-Marsch 1987, die Verhaftungswelle im Januar 1988, kurz vorher die gewaltsamen Durchsuchungen in der Zionskirche und die Premiere von „Einer trage des anderen Last“. Man zeige mir den SED-Historiker, der aus diesen Stichworten eine schöpferische, kontinuierliche, konzeptionelle Kirchenpolitik herausdestillieren kann. Es ging auch auf kirchenpolitischem Gebiet gar nicht mehr um das vielbeschworene Vertrauen zu den Menschen, es ging um das brutale Misstrauen gegenüber dem eigenen Volk, es ging um die direkte brutale nackte Macht.

Den Abend des Mauerfalls erlebte Joachim Heise auf Einladung Manfred Stolpes in einer sehr durchmischten Gesellschaft in der Französischen Kirche am Gendarmenmarkt. Das Thema war „Die Kirchen, die Parteien und die DDR“ – und das in der Stunde des Mauerfalls! Nun war es also vorbei mit einer wissenschaftlichen Karriere in der SED-Akademie. Die Erfahrungen hatten wieder einmal über die Hoffnungen gesiegt. Joachim Heise hätte nun tun können, was viele taten: in der Versicherungs- und Immobilienbranche, in der Werbewirtschaft wurden flexible intelligente Typen gesucht. Aber Joachim Heise entschied: ich mache das weiter, was ich am besten kann; ich bleibe, unter welchen Umständen auch immer, beim Thema „Kirche – Staat – Gesellschaft“. Sein Forschungsthema hat also – durchaus nicht selbstverständlich – zu einer persönlichen charakterlichen Prägung geführt. Denn der „sympathisierende Nichtchrist“, wie er von sich selbst sagt, konnte und wollte sich schon vor 1989 nicht eine DDR vorstellen, in der die christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft vergessen sind und die Leute vergessen haben, warum sie Weihnachten feiern. Aber seit 1989 ist es auch ein Anliegen Heises, die Leute, die schon vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben, daran zu erinnern, dass ritualisiertes Traditionschristentum nicht eigentlich die Sache Jesu ist. Historiker müssten wissen, dass das Ende von Hochkulturen mit dem Leugnen oder Vergessen ihrer Wurzeln beginnt.

Der Versuch Joachim Heises und einiger seiner Freunde, die Lehren aus der Kirchenpolitik der SED in programmatische Neuanfänge einer linken Politik einzubringen, hat aber bis heute wenig gebracht. Aber Joachim Heise hatte ja beizeiten angefangen mit der Treue zu sich selbst, den parteipolitischen Erfolg brauchte er nicht mehr. Die wirklichen Grenzöffnungen für Joachim Heise waren nach 1990 die Einübung in eine neue Debattenkultur im christlich–marxistischen Dialog, ein sich Einleben in der ökumenischen Bewegung in Gestalt des Hendrik-Kraemer-Hauses und des Umfeldes von Bé Ruys. Joachim Heise machte die Erfahrung, dass er noch „brauchbar“ war, im Sinne Dietrich Bonhoeffers. Und den Nachweis, ob denn ein „Ehemaliger“ überhaupt das Recht habe, noch DDR-Geschichte zu schreiben, hat Joachim Heise damals mit der Quellenedition SED und Kirche geliefert. Handwerklich sorgfältig und zurückhaltend in der Bewertung, war diese Publikation auch eine Geste der Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber den damaligen kirchlichen Akteuren.

Mit der Arbeit an dieser Edition, die ja schon 1990 anfing, und mit der Gründung des Instituts 1993 begann das zweite, vielleicht sogar das eigentliche wissenschaftliche Leben des Joachim Heise. Und es begann gemeinsam mit Horst Dähn. Da ging es dann schon längst nicht mehr um deutsch-deutsche Verklemmtheiten, sondern um zeitgeschichtliche Forschung zum Staat-Kirche-Verhältnis in der DDR und Osteuropa, um nüchterne Themen und zugleich enthusiastische Phantasien über die Möglichkeiten eines freien außeruniversitären Instituts. Dessen Geschichte ist inzwischen fast ein Vierteljahrhundert lang. Sie müsste bald mal aufgeschrieben werden. Zu dieser Geschichte gehören die zahlreichen Publikationen, von Joachim Heise geschrieben, herausgegeben, initiiert und ohne eigenes Vertriebssystem unter die Leute gebracht. Zu dieser Geschichte gehören die zahlreichen gescheiten Tagungen. Und in einem solchen außeruniversitären Forschungsinstitut macht man alles selbst, wofür in einer Universitätsstruktur ein professioneller Mittelbau mit entsprechendem Etat da ist.

Ohne die ausgeprägte Moderationsfähigkeit von Joachim Heise wären viele dieser Tagungen nicht so nachhaltig verlaufen wie es geschehen ist. Ehrlichkeit, Anstand und Respekt auch bei unterschiedlichen Meinungen durchzuhalten, ist der gute Lohn dieser Moderationsfähigkeit.

Und dann muss – neben fachwissenschaftlicher Kompetenz und Moderationsfähigkeit – die soziale Kompetenz von Joachim Heise erwähnt werden. Er hat Menschen eine Hoffnung, eine Aufgabe gegeben, die trotz hoher Qualifikation seit Jahren arbeitslos waren. Für sie ein Thema zu entwickeln, sie sanft zu zwingen, ihren Arbeitstag zu strukturieren und ihnen das Erfolgserlebnis eines erreichbaren Ergebnisses zu verschaffen, wäre allein schon ein Grund zur heutigen Auszeichnung. Einige von diesen Mitarbeitern der ersten Stunde gehören bis heute zur wärmenden und schützenden Hülle der Ehrenamtlichen, ohne die das Institut nicht denkbar ist.

Aber zur Wahrheit dieses Weges hört auch, dass er viel Lebenskraft von Joachim Heise gekostet hat. Ja, es gab und gibt wissenschaftlichen Erfolg, aber es gab auch gewaltige Anstrengungen, es gab Enttäuschungen, Fehlschläge, nicht Gelungenes, halb Fertiges.

Joachim Heise weiß selbst am besten, wie viele angefangene und nicht beendete Projekte „im Keller liegen“. Wir ehren am heutigen Tag ein bisheriges Teilstück seines Lebensweges. Fortsetzung folgt also. Vielleicht ist es eine Illusion zu hoffen, dass die publizierten Forschungsergebnisse das aktuelle, vom Zeitgeist verformte Geschichtsbild etwas differenzieren könnten. Joachim Heise hält es wie Mark Twain: „Trenne dich nicht von deinen Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben.“

Ich habe vorhin Joachim Heises Beitrag zu dem 1988 erschienenen Buch Fragen an die Geschichte erwähnt. Er hat mir damals ein Exemplar des Büchleins geschenkt und hineingeschrieben: „Lieber Horst, es ist ein großes Glück, einen Genossen zu kennen, mit dem man sich versteht, ohne viel zu reden.“ Das war gut gesagt, deshalb höre ich jetzt auf zu reden. Achim, herzlichen Glückwunsch.

Dr. sc. Joachim Heise Dankesrede des Preisträgers: Horst-Dähn-Preis 2016

Der Horst-Dähn-Preis 2016 wurde am 15. Oktober 2016 aus Anlass des 23. Gründungstages des Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung sowie des vierten Todestages von Prof. Dr. Horst Dähn an Dr. sc. Joachim Heise für seine Verdienste bei der Erforschung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche, der Geschichte der Kirchen und des Alltags der Christen in kommunistisch regierten Ländern, speziell der DDR, sowie bei der Leitung des Berliner Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung verliehen.

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstands und des Trägervereins unseres Instituts,
sehr geschätzte Preisträger der vorangegangenen drei Jahre,
sehr geehrte Laudatoren,
sehr verehrte Frau Dr. Dähn,
liebe Freunde und Förderer,
sehr geehrte Damen und Herren,

in der Ehe spricht man häufig vom verflixten siebenten Jahr. Dies haben meine Frau und ich vor nunmehr 41 Jahren glücklich überstanden. Wenn ich auf das zu Ende gehende Jahr zurückschaue, dann wäre es vielleicht angebracht, vom verflixten 70. Jahr zu sprechen. In diesem 70. Lebensjahr habe ich viel verloren: eine ausgediente Linse rechts, eine trübe Linse links, einen Gallenstein im Gallengang, eine Gallenblase und etwa zehn Kilo Lebendgewicht. Wäre ich Seefahrer, so könnte ich sagen, ich hätte Ballast abgeworfen, um Fahrt aufzunehmen für die abenteuerliche Reise ins neue Jahrzehnt.

Am Ende meines 70. Lebensjahres gewinne ich aber heute etwas, was mich sehr, sehr freut und ehrt, den Horst-Dähn-Preis 2016. Allen möchte ich herzlich danken, die mir den Preis zugedacht haben, insbesondere Frau Dr. Ursula Dähn, die ihn gestiftet und das Preisgeld bereitgestellt hat.

Eine Preisverleihung an Film- und Fernsehgrößen haben sie alle sicher schon einmal im Fernsehen verfolgt. Am Ende einer solchen mehr oder weniger langweiligen Veranstaltung wird in der Regel ein Prominenter oder eine Prominente für sein bzw. ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Die so Geehrten erfüllen in der Regel drei Bedingungen: Sie sind erstens hochbetagt, leiden zweitens an einer schweren Krankheit und waren drittens in der Öffentlichkeit kaum noch gesehen. Meine Damen und Herren, meine heutige Auszeichnung könnte bei oberflächlicher Betrachtung so ähnlich anmuten. Deshalb will ich an dieser Stelle ausdrücklich feststellen:

  • Ich bin nicht alt.
  • Ich bin wieder gesund.
  • Ich habe nicht die Absicht, mich in meinen Garten in Brandenburg an der Havel zurückzuziehen.

Richtig ist aber auch: Ich bin nicht mehr jung genug, um das Institut noch weitere 23 Jahre leiten zu können. Dieser Tatsache muss ich, müssen die für das Institut Verantwortlichen und die an der Fortexistenz des Instituts Interessierten ins Auge sehen.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde,

eine Auszeichnung für mein Lebenswerk kann der Horst-Dähn-Preis 2016 aus einem weit wichtigeren Grund nicht sein: Ich bekomme ihn nämlich für meine wissenschaftliche Arbeit in der Zeit nach dem Ende der DDR und für mein Engagement im Berliner Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung. Ich habe in meinem Leben bislang in keiner anderen Einrichtung so lange und so ertragreich gearbeitet.

Wie Sie wissen, habe ich mich in meinem „ersten Leben“ zehn Jahre als Lehrer für Geschichte und Deutsch versucht. Sehr glücklich bin ich dabei nicht geworden, zumal ich an einer Berufsschule eingesetzt worden bin. Als sich mir die Chance bot, die Volksbildung zu verlassen, habe ich gern zugegriffen und 1979 eine Aspirantur an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED in Berlin begonnen. Dass damals mein Wunschthema „Geschichte der Kirchenpolitik“ auch mein Dissertationsthema wurde, verdanke ich einem Mann, der nach dem Spitzengespräch Honecker /Schönherr von 1978 weitsichtig genug war, um die politische Dimension des Themas zu erkennen. Er hat auch dafür gesorgt, dass ich nach der Promotion an der Akademie bleiben und meine Forschungen weiterführen konnte. Ich freue mich, dass dieser Mann heute hier ist: Prof. Dr. Heinz Hümmler, damals Prorektor für Aus- und Weiterbildung der Akademie.

Wenn ich heute mit fast 70 Jahren auf die drei Stationen meines beruflichen Lebens zurückblicke, meine Zeit als Lehrer, als Aspirant, Oberassistent und Dozent an der Akademie und die Zeit im Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung, so möchte ich keine davon missen. Ich bin auch nicht bereit, die ersten zwei Stationen aus meiner Vita zu tilgen oder sie zu verschweigen. Glaubwürdigkeit ist eben ohne Ehrlichkeit nur schwer oder gar nicht zu erlangen. Der, der ich heute bin, der bin ich nicht erst unter den Bedingungen des vereinten Deutschland geworden. Zu meinen „Universitäten“ gehören selbstverständlich auch die Jahre in der DDR. Ich bin eben nicht am 9. November 1989, in der Nacht als die Berliner Mauer fiel, geboren, sondern am 9. November 1946, als meine Eltern gerade dabei waren, sich nach der Flucht aus Westpreußen eine Existenz als Neubauern in einem kleinen Dorf nördlich von Berlin aufzubauen.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde,

so mancher von Ihnen hat sich sicher in den zurückliegenden Jahren gefragt:

Wie war es möglich, dass dieser Heise mit seiner Vita es wagen konnte, sich in die Auseinandersetzungen um die Kirchenpolitik der DDR/SED und des Weges der Kirchen in der DDR und in Osteuropa einzumischen und dies bis heute unverdrossen versucht?

Auch ich habe mich dies selbstverständlich nicht nur einmal gefragt. Einige erinnern sich sicher an heftigen Diskussionen, die in den 1990er Jahren öffentlich, aber auch hinter verschlossenen Türen, auch hinter Kirchentüren, geführt wurden. Dabei ging es um die Frage, ob einer wie ich überhaupt wieder Geschichte schreiben dürfe oder ob dies nicht allein ein Privileg von Westdeutschen oder Bürgerrechtlern zu sein hätte.

Menschen mit einer ähnlichen Vita wie die meine saßen damals in einer Zwickmühle: Sie wurden entweder als ewig gestrige, unbelehrbare Betonköpfe oder aber als karrieregeile, charakterlose Wendehälse abgestempelt. Menschen wie ich konnten alles sein, nur keine ehrlichen Mitstreiter, wenn es um die jüngste Geschichte ging. Am schmerzlichsten war es, dass diese Debatten stets hinter dem Rücken der Beklagten ausgetragen wurden und nicht, wie man so sagt, mit offenem Visier gekämpft wurde. Subtile Ausgrenzungsrituale und schmerzliche Demütigungserfahrungen gingen oftmals damit einher.

Ich wollte weder das eine noch das andere sein, weder Betonkopf, noch Wendehals. Vielmehr wollte ich als Mensch wahrgenommen werden, der Irrtümer und Fehler offen und ehrlich eingesteht, der daraus lernt und sich neuen Herausforderungen stellt. Dr. Ulrich Schröter hat in seiner Laudatio über den von mir bearbeiteten Band 1 SED und Kirche gesprochen und angedeutet, welche „Eiertänze“ es in diesem Zusammenhang gab. Für mich – und sicher auch für Prof. Horst Dohle, der den Band 2 bearbeitet hat, war die Arbeit an dieser kommentierten Dokumentation von kirchenpolitischen Quellen der höchsten Führungsebene der SED so etwas wie ein Prüfstein auf meine Tauglichkeit in der Wissenschaftslandschaft des vereinten Deutschland. Die Geschichte beider Bände hier zu erzählen, wär sicher interessant, würde aber zu weit führen.

Meine Damen und Herren, liebe Freude. An einem Tag wie heute möchte ich eines noch unbedingt sagen: Ich musste mein Wertesystem nach 1989/1990 nicht auf den Kopf stellen. Auch meinen Traum von einer besseren, gerechteren, friedlicheren Welt habe ich nicht aufgegeben, nur weil in der DDR nicht alle Blütenträume reiften. Erkennen musste ich aber schmerzlich, dass diese Träume bis 1989/90 unter den obwaltenden Bedingungen nicht zu erfüllen waren. Die Umstände heute sind gänzlich andere. Aber die Welt, in der wir seit nunmehr 26 Jahren gemeinsam leben, ist weder gerechter noch friedlicher geworden. Krieg und Gewalt, Hunger und Elend gehören heute zu den Fernsehbildern, die wir allabendlich beim Abendbrot konsumieren. In unserer so reichen, wohlhabenden Gesellschaft vollziehen sich gegenwärtig Veränderungen, die, um es mit Heinrich Heine zu sagen, einen um den Schlaf bringen.

Meine Damen und Herren,

ich komme auf meine Ausgangsfrage zurück:

Warum also bin ich bei der Geschichte der Kirchenpolitik und der Kirchen geblieben und bin nicht in die Versicherungsbranche oder in den Außendienst einer Pharmafirma gewechselt, um wahrscheinlich viel Geld zu verdienen?

Es gibt darauf keine einfache Antwort. Vielleicht nur soviel: Auch nach so langer Zeit brenne ich für das Thema Kirchen und Kirchenpolitik in der DDR und bin nach wie vor davon überzeugt, dass auf diesem Feld noch viel zu tun ist. Ich hoffe auch weiterhin, mit meinem Erfahrungshorizont, mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten auch künftig noch etwas tun zu können, damit die Texte von Gerhard Bessier und anderen nicht das letzte Wort der Geschichtschreibung über diese Themen bleiben.

Hans Joachim Meyer, Minister unter Lothar de Maizière und unter Kurt Biedenkopf in Sachsen, hat kürzlich bei einer Feier zu seinem 80. Geburtstag mit Blick auf sein Leben in der DDR und im vereinten Deutschland festgestellt: Es hätte alles auch ganz anders kommen können! Das kann ich aus meiner Lebenserfahrung nur bestätigen.

Ob man im Leben Chancen bekommt, zu zeigen, was man kann und wer man ist, das hängt immer von den Menschen ab, denen wir begegnen und die uns begleiten. An erster Stelle möchte ich meine Frau nennen, der ich am 1. September 1961 in der Brandenburger Erweiterten Oberschule das erste Mal begegnet bin, die ich 1968 geheiratet habe und mit der ich bis heute glücklich zusammenlebe. Den heutigen Preis teile ich gern mit meiner Frau, denn ohne ihre Unterstützung, ihre Geduld und Ermutigung, „bei meinen Leisten“ zu bleiben, wäre manches in der Tat ganz anders gekommen. Ich freue mich darüber, wie viele unter Ihnen meine Frau schätzen und uns beide als „Gesamtkunstwerk“ wahrnehmen.

Eine lebenswichtige Chance haben mir Horst Dähn und seine Frau Ulla gegeben, ohne die es dieses Institut nie gegeben hätte. Sie haben mir und ich ihnen von Anfang an Vertrauen entgegengebracht.

Horst Dähn und ich wussten schon in Zeiten der Teilung voneinander, ohne uns freilich jemals begegnet zu sein. Als ich 1982 meine Dissertation verteidigt habe, da kam wenige Tage zuvor der Horst-Dähn-Bestseller Konfrontation oder Kooperation auf meinen Schreibtisch. Ich sollte das Buch annotieren für ein regelmäßig erscheinendes Informationsheft der Akademie, das auch in der Arbeitsgemeinschaft DDR-Geschichte in Mannheim zur Kenntnis genommen wurde. Ich lobte damals das neuartige Herangehen in der „bürgerlichen Geschichtsschreibung der BRD“ durch Horst Dähn, kritisierte aber die im Buchtitel gewählte Gegenüberstellung Konfrontation oder Kooperation. Nach meiner Auffassung gab es in der Kirchenpolitik der SED/DDR stets beide Momente, also konfrontative und kooperative, nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Die Frage musste m.E. vielmehr lauten: Welches der beiden Momente gewann wann und aus welchen Gründen die Oberhand in der Kirchenpolitik der SED/DDR?

Als Horst Dähn und ich uns 1991 das erste Mal persönlich begegneten, da ahnen wir selbstverständlich noch nicht, dass wir beide einmal eine „ungewöhnliche deutsch-deutsche Zusammenarbeit“ entwickeln würden, wie sich der Nestor der DDR-Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik, Hermann Weber, einmal dazu einließ.

Was vielen Beobachtern damals auffiel: Wir beide entsprachen nicht den Klischees, wie sie in den 1990er Jahren landauf landab kursierten. Horst Dähn war nicht der typische Besser-Wessi, der die Ossis übers Ohr haute und ich nicht der mit seinem Schicksal hadernde, antriebs- und ideenlose Jammer-Ossi, der darauf wartete, dass ihm die gebratenen Tauben in den Mund flogen. Nein, jeder von uns brachte von Anfang an seine ganz individuellen Stärken in das Institutsprojekt ein, hat Vertrauen gewagt und ist Risiken eingegangen. Am Ende war aus einer Arbeitsbeziehung eine Freundschaft geworden, die den Tod überdauert.

Meine Damen und Herren,

ich möchte nicht falsch verstanden werden. Jeder, der mich näher kennt, weiß, dass ich keinen Groll hege auf diejenigen, die das Institut und seine Protagonisten anfangs mit Misstrauen und Argwohn begleitet haben und hier und da dies auch heute noch tun. Umso mehr danke ich allen, die insbesondere mein Tun und Lassen von Anfang an kritisch verfolgt haben, aber bereit waren, Leistungen anzuerkennen, Urteile zu differenzieren und gegebenenfalls auch zu korrigieren, also kurz und gut bereit waren, mir eine Chance zu geben. Viele von ihnen sind inzwischen nicht mehr unter uns. An sie will ich heute besonders erinnern. Stellvertretend möchte ich zwei Menschen nennen, die in diesem Jahr verstorben sind. Beide konnten unterschiedlicher kaum sein: Generalsuperintendent i. R. Dr. Günter Krusche, der von 1993 bis 2002 Vorsitzender unseres Trägervereins war, und Pfarrer Günter Knecht, der trotzt seines hohen Alters immer gern zu unseren Veranstaltungen gekommen ist und seine Position vehement vertreten hat. Für beide war das Institut zu einem Ort geworden, an dem man seine Meinungen austauschen und kontrovers diskutieren konnte und kann.

An einem Tag wie heute möchte ich stellvertretend für viele andere an Albrecht und Annemarie Schönherr, an Bé Ruys, an Winfried Staar, an Christa Lewek, an Hildegard Führ, Johannes Althausen, Martin Ziegler und Rosemarie Schumann erinnern, die die Arbeit unseres Instituts geschätzt haben und mitgeholfen haben, das Institut zu einem Ort des offenen und sachlichen Meinungsaustauschs zu machen.

Wenn ich die zurückliegenden 23 Jahre überschaue, so muss ich sagen, diese Jahre waren die schönsten, abwechslungsreichsten, interessantesten und wohl auch erfolgreichsten meines beruflichen Lebens. Ich konnte mich in diesen Jahren entfalten, wie man so schön sagt, wie es wohl kaum an einem anderen Ort möglich gewesen wäre. Ich habe publiziert, anderen zu Publikationen verholfen, habe eine Vielzahl unterschiedlicher öffentlicher Veranstaltungen organisiert und moderiert. Besonders ans Herz gewachsen sind mir dabei die „Abendgespräche über Gott und die Welt“. Gern denke ich an die Gespräche mit Günter Gaus, Christa Wolf, Paul Oestreicher und die vielen anderen Prominenten aus Politik, Kultur und Kirche zurück. Interviews für Produktionen des Rundfunks und Fernsehens gehörten ebenso zu meiner Arbeit, wie die Präsentation des Instituts und seiner Arbeitsergebnisse auf verschiedenen Kirchentagen.

Ich habe Projekte in Berlin und Lutherstadt Wittenberg mit angestoßen und zu ihrer Realisierung beigetragen. Dazu gehören nicht zuletzt die vielen Arbeitsfördermaßnahmen, in denen über hundert Langzeitarbeitslose bzw. von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen eine sinnvolle Beschäftigung fanden. Einige davon wie Rotraut Simons, Dorothea Körner und Hans-Martin Krusche haben sogar eigene Forschungsergebnisse bei uns publizieren können. Dagmara Liepert ist bis heute ehrenamtlich im Institut tätig.

Große Freude hat mir die Konzipierung und Kuratierung von mehreren Ausstellungen bereitet. An verschiedensten Orten in unserem Land durfte ich sie einer interessierten Öffentlichkeit präsentieren. Ich denke da insbesondere an die Ausstellung „Atheismus in der DDR“ und die zum 100. Geburtstag von Albrecht Schönherr und Erich Schuppan.

Besonders wichtig war mir von Anfang an die Filmarbeit der DDR, wenn es um Themen Kirche, Christen und besonders Luther und Müntzer ging. Wer erinnert sich noch an den Tag, als wir einen ganzen Tag lang Filme gezeigt haben, in denen Luther der Filmheld war? Unvergessen sind mir dabei auch die Gespräche, die ich mit den Regisseuren Kurt Veth und Lew Hohmann geführt habe.

Besonderen Spaß hat mir die Arbeit an fünf Filmproduktionen für den Offenen Kanal Berlin gemacht. Bischof Demke wird sich vielleicht an eine erinnern, an der er selbst mitgewirkt hat.

In den 23 Institutsjahren habe ich mit unterschiedlichen Kooperationspartnern zusammengearbeitet. Die Zusammenarbeit mit der Osteuropagesellschaft hat uns zum Beispiel größere Kolloquien mit Kirchenvertretern und Wissenschaftlern aus Osteuropa ermöglicht.

Eine besonders enge und fruchtbare Zusammenarbeit hat sich seit 2009 mit dem Haus der Geschichte in Lutherstadt Wittenberg entwickelt, wenn es um Luther und Müntzer und ihre Rezeption in der DDR geht. Alle sprechen über Martin Luther, wir werden am 5. November im Rathaus von Wittenberg Thomas Müntzer die Ehre erweisen und laden Sie alle schon jetzt dazu herzlich ein. Bei dieser Gelegenheit werden wir die Horst-Dähn-Bibliothek eröffnen, die Frau Dr. Dähn dem Haus der Geschichte übereignet hat.

Als besonders wichtig habe ich von Anfang an die Beratung von jungen Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland und von Medienvertretern betrachtet. Zurzeit begleiten wir eine junge Wissenschaftlerin aus Paris, die sich mit Fragen der Geschichte des Atheismus in der DDR beschäftigt. Allein in den vergangenen drei Wochen gab es drei Anfragen von Rundfunk- bzw. Fernsehredakteuren zum Thema „Spitzengespräch am 6. März 1978“ sowie Lutherehrungen 1983.

Meine kleine Aufzählung wäre unvollständig, würde ich nicht die jährlichen thematischen Exkursionen nennen, zu denen wir seit 2002 einladen. Auch im nächsten Jahr werden wir uns wieder auf Reisen begeben. Lassen Sie sich überraschen, wohin es gehen wird.

Ich bin sehr dankbar, dass ich dies alles tun konnte und mich in meiner Arbeit verschiedensten Herausforderungen stellen musste. Was hier heute passiert, ist sehr ungewöhnlich, denn mein Anliegen war es stets, anderen eine Bühne zu bauen, damit sie sich, ihre Gedanken und Werke in einem entspannten Rahmen darstellen konnten. Denken Sie nur an die Buchpräsentation mit Valentin Schönherr oder an die zwei Gesprächsrunden mit Minister a. D. Hans Joachim Meyer.

Einige von Ihnen werden Bertolt Brechts Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ kennen. U. a. stellt er darin ja fest, dass Caesar die Gallier besiegte, um aber dann zu fragen, ob er nicht wenigstens einen Koch bei sich hatte. Alles, was ich eben an Aktivitäten aufgezählt habe, habe ich selbstverständlich nicht allein bewältigt. Ich konnte mich dabei, so lange er lebte, auf die Unterstützung von Horst Dähn, die Hilfe der Mitglieder des Vorstands, der vielen zeitweilig beschäftigten Mitarbeiter des Instituts, der ehrenamtlichen Unterstützer, der verschiedenen Kooperationspartner sowie auf die der vielen Förderer des Instituts verlassen. Auch unsere heutige Veranstaltung wäre ohne die vielen helfenden Hände nicht möglich. Dafür sei allen stillen Helfern ausdrücklich gedankt.

Meine Damen und Herren,
liebe Freunde,

was die Laudatoren über mich und meine Arbeit gesagt haben, hat mich sehr gerührt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so genau beobachtet werde. Mit Blick auf Christa Staches Bemerkungen müsste es wohl besser heißen, durchschaut worden bin.

Ich bin sehr erfreut, dass ich dies alles hören durfte, denn zumeist wird so erst gesprochen, wenn der so Gewürdigte es selbst nicht mehr hören kann. Allen drei Laudatoren möchte ich herzlich danken. Dass heute drei zu Wort kamen, verstehen Sie bitte nicht als Zeichen der Selbstüberhebung. Die Idee dazu hatte Dr. Friedrich Winter. Ich denke, es war eine gute Idee, mich aus verschiedener Perspektive zu be- und zu durchleuchten.

Meine Damen und Herren,
liebe Freunde und Förderer unseres Instituts,

ich hatte gehofft, Ihnen am 23. Gründungstag des Instituts einen Nachfolger / eine Nachfolgerin für mich präsentieren zu können. Die Zeit ist m. E. reif für einen personellen Wechsel und für eine inhaltliche Neuorientierung, für neue Ideen und neue Arbeitsformen. Leider hat sich diese Hoffnung bislang nicht erfüllt. Selbstverständlich werde ich nicht einfach hinwerfen und mich in die Büsche unseres Gartens in Brandenburg schlagen, nur weil ich 70 werde. Der Vorstand und die Mitgliederversammlung sollten dennoch in den nächsten Monaten ernsthaft darüber beraten, wie es weitergehen soll. Eines sollte dabei allerdings klar sein: Es wird, es muss weitergehen. Das sind wir dem Mitgründer, langjährigen Leiter und selbstlosen Förderer des Instituts Horst Dähn und allen, die sich um das Institut verdient gemacht haben, schuldig.

In zwei Jahren werden wir den 25. Gründungstag des Instituts feiern. Ich bitte Sie an diesem besonders schönen Tag für mich:

Helfen Sie mit, dass der 25. Gründungstag für uns alle zu einem besonderen Festtag wird.

Prof. Dr. Siegfried Bräuer Wer war Thomas Müntzer und wer wollte er sein?

Vortrag, gehalten auf einer gemeinsamen Tagung des Hauses der Geschichte Wittenberg/PFLUG e.V. und des
Berliner Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung zum Thema

„‘So ich das sage, muss ich aufrührerisch sein …‘.
Thomas Müntzer – der andere Reformator“

5. November 2016 im Alten Rathaus der Lutherstadt Wittenberg

Vor 41 Jahren habe ich auf der Kanzel der Wittenberger Stadtkirche einen Vortrag über Müntzer gehalten und mit einem Zitat aus einem Roman des damals sehr bekannten Schriftstellers Erik Neutsch begonnen, in dem sich ein Schüler zu Hause über seinen Lehrer mit den Worten beschwert: „Der weiß bis heute nicht, wer Thomas Müntzer in Wahrheit war“. Der Wittenberger Propst hatte mich im Jahr des Bauernkriegsjubiläums und Müntzer-Gedenkens 1975 um dieses Referat gebeten. Damals schien nur allzu klar zu sein, wer Thomas Müntzer war. Auf der Gedenktafel in der Schlossstraße Nr. 4 war es zu lesen: „Thomas Müntzer. Pfarrer, Bauernführer. 1518.“1 Von dieser Inschrift ist nur gesichert, dass Müntzer um diese Zeit in Wittenberg war. Daran ändert sich auch durch die heutige Fassung mit den beiden Attributen „Theologe und Bauernführer nichts. Dass Müntzer Theologe war, gehörte schon 1975 nicht zum Geheimwissen, wurde aber eher in den Hintergrund gerückt. Im kleinen Kreis der marxistischen Fachleute war man sich auch bereits einig, dass man Müntzer den Titel eines Bauernführers nicht zusprechen kann.

Ob der Bürgermeister von 1975, Siegfried Merker, über die neuen Erkenntnisse zu Müntzer gut unterrichtet war, ist mir nicht bekannt. Unvorstellbar aber wäre es gewesen, dass er bei seiner bekannten antikirchlichen Einstellung den Ratssaal für das Referat eines Theologen zur Verfügung gestellt hätte. Der Ortwechsel von der Stadtkirche zum Rathaus für mein heutiges Referat ist ein deutliches Zeichen, dass sich auch in Sachen Müntzer einiges geändert hat, und zwar nicht erst nach 1989. Ich will in einem Rückblick zunächst etwas zu dieser veränderten Sicht gegen Ende der DDR sagen, danach kurz auf die folgende Phase eingehen und dann vor allem die neue wissenschaftliche Biographie vorstellen, die im Juni im Gütersloher Verlagshaus erschienen ist.

1. Ein Rückblick auf das Müntzer-Verständnis gegen Ende der DDR

Für Max Steinmetz, den Nestor der marxistischen Frühneuzeitforschung, stand im Jahr des Bauernkriegsjubiläums 1975 fest, dass Müntzer ein leidenschaftlicher Theologe war, der allerdings im Rahmen der materialistischen Geschichtsauffassung verstanden werden müsse. Von diesem Rahmen war z.B. in der Einführung in das Studium der Geschichte von 1979 zu lesen, „die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen [sind] zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, [ ... ] sondern in Veränderungen der Produktions- und
Austauschweise“.2 Eine Diskussion über solche geschichtstheoretischen Grundsatzfragen, die meist unter den Begriffen von Basis und Überbau verhandelt wurden, hielt Steinmetz im Blick auf Müntzer für wenig fruchtbar. Er meinte, es sei erst einmal notwendig, sich gründlich mit den Quellen zu befassen. So hat er es auch mit seiner eigenen Forschung gehalten. Seine quellenkundlichen Arbeiten wurden schließlich Bestandteil seines Buches von 1988 über Müntzers Weg nach Allstedt. Zunehmend wurden sie ergänzt durch quellenbezogene Untersuchungen jüngerer Historiker zu Wirkungsstationen Müntzers. Der anfangs unreflektierte Gebrauch der marxistischen Begrifflichkeit aus dem 19. Jahrhundert (z. B. Plebejer, Volksmassen, Müntzer-Partei) wurde zusehends ersetzt durch präzisere zeitgenössische Interpretationen.

Eine erweiterte Sicht und ein differenzierteres Verständnis für Müntzers theologische Erörterungen wurden aber erst eingeleitet, als Horst Bartel, der Direktor des Zentralinstituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, bei der Konstituierung des Martin-Luther-Komitees der DDR 1980 in einem kurzen Beitrag über die Rolle Luthers in der deutschen Geschichte eine Bemerkung machte, die zumindest Theologen aufhorchen ließ. Er sagte, zu den Problemen, die es für das Lutherjubiläum zu bewältigen gelte, gehöre auch die Aufgabe, den Zusammenhang von Theologie und der Ideologie gesellschaftlicher Klassen, Schichten und Gruppen in empirischer Forschung und theoretischer Ver­all­ge­meinerung zu erfassen. Es gehe darum, „sowohl das Eigenleben und die Selbständigkeit der Theologie als auch deren Einbindung in die Traditionen und in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit zu verdeutlichen.“3 Die Vertreter der Kirche verstanden diese Äußerung als einen Ansatzpunkt für eine vertiefte Lutherinterpretation und regten ein entsprechendes Sachgespräch zwischen Historikern und Theologen an. Mit offiziellem Einverständnis der staatlichen und kirchlichen Leitungsgremien fanden daraufhin zwischen 1981 und 1990 interne Expertengespräche zwischen theologischen und marxistischen Reformationshistorikern der DDR statt.4

Die paritätisch zusammengesetzte Gruppe von zweimal fünf Teilnehmern konnte sich erst nach dem Lutherjubiläum der Vorbereitung auf die Müntzer-Ehrung von 1989 und wichtigen Grundfragen des Theologen Müntzer zuwenden. Im Mittelpunkt standen Probleme einer Müntzer-Biographie, das Revolutionsverständnis und die marxistischen Müntzer-Thesen, die analog zu den Lutherthesen zu erwarten waren. Verantwortlich für diese Thesen war eine Arbeitsgruppe von Vertretern der Akademie und der Hochschulen. Durch Anforderungen des Berlinjubiläums, offenbar aber auch durch ein unterschiedliches Engagement in den zentralen Parteigremien wurden sie erst im Januar 1988 zur Veröffentlichung freigegeben. Ein Entwurf konnte bereits erheblich früher in der Expertengruppe diskutiert werden.

Unübersehbar war in den Thesen das Bemühen zu erkennen, wichtige neue durch das Lutherjubiläum gewonnene Grundeinsichten auch für Müntzer zu übernehmen, vor allem die Feststellung: „Die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse bedingten die zentrale Bedeutung der Theologie in den politischen, sozialen und geistigen Auseinandersetzungen und die religiöse Begrün- dung der revolutionären Forderungen.“ (These II).5 Von dieser Leitlinie her wurde erstaunlich ausführlich und differenziert die situationsbedingte schrittweise Entwicklung der Theologie Müntzers mit ihrem Spiritualismus, ihren biblischen Bezügen und apokalyptischen Visionen dargestellt. Vor allem in der VIII. These wurden diese Ausführungen zu einem spannungsvollen Gesamtbild verdichtet, zu dem als historische Leistung Müntzers die Entwicklung einer eigenen Theologie genauso gehörte wie die Angabe, „Sein Denken kreiste stets um die Erkenntnis des Willens Gottes, um den Menschen den Weg zum rechten Glauben zu weisen.“6 Es wurde darauf hingewiesen, dass Müntzers Zielvorstellung eines Reiches göttlicher Gerechtigkeit und die Wiederherstellung einer göttlichen Ordnung zwar utopisch bleiben musste, dennoch habe ihre „historische Funktion“ darin bestanden, „das Unmögliche anzustreben, um dem Realisierbaren ein Stück voranzuhelfen“. Auch heute werde „die Müntzer tragende menschheitliche Vision überall dort von neuem geboren und in anderen Versionen lebendig, wo entrechtete Massen sich zum Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung erheben“. So sei Müntzer „als Kämpfer des 16. Jahrhunderts zugleich Symbol einer menschheitlichen Tradition“.7

Die Verfasser der Thesen, allen voran Adolf Laube und Gerhard Brendler, waren intensiv darum bemüht, das neue Müntzer-Verständnis einer breiteren Öffentlichkeit zu erläutern.8 Viele Institutionen und Publizisten übernahmen die neue Kennzeichnung Müntzers als Gottesknecht mehr oder weniger formelhaft. Der Bevölkerung, die viele Jahre darauf eingestimmt worden war, religiöse Vorstellungen und Überzeugungen nur als überholt und unwissenschaftlich zu brandmarken, einen Weg zu einem anderen Verständnis aufzuzeigen, wurde so gut wie nicht versucht. Allenfalls im persönlichen Gespräch klang etwas von der Verunsicherung durch das neue Müntzer-Bild an, die sich später durch zeitgeschichtliche Forschungen bestätigte. Rolf Barthel, der damalige Direktor der Zentralen Gedenkstätte „Deutscher Bauernkrieg“ in Mühlhausen, hat im Juni 1988 gegenüber einem Erfurter Stasi-Offizier geklagt, dass viele Museumsbesucher mit der doppelten Ehrung, erst Luther und nun Müntzer, nicht zurecht kommen. In den Müntzer-Thesen würden die Worte Gott, Bibel, Werkzeug Gottes sehr häufig gebraucht. Als Vertreter des Museums hielten sie es in ihren Vorträgen genauso. Aber „die Genossen“ seien verunsichert. Wörtlich heißt dann nach einem Tonbandmitschnitt: „Wir haben praktisch ein neues Müntzer-Bild [ ... ] Er ist Theologe gewesen. Er wollte praktisch das, was in der Bibel steht, verwirklichen Das Reich Gottes auf Erden, ohne Klassen. Und das Besondere an ihm ist, dass er zum ersten Mal die Rolle des Volkes jetzt verändern will – eine Revolution. Und das verstehen die Genossen nicht.“ Der Stasioffizier sah sich mit diesen Fragen überfordert. Er begnügte sich damit auf die Hauptaufgabe seiner Institution zu verweisen, auf die Abwehr gegnerischer Einflüsse.9 Solche Fragen zu Luther und Müntzer blieben offen. Der harmonisierende Appell des letzten Kulturministers der DDR Dietmar Keller, beim Festakt zum Abschluss der Müntzer-Ehrung am 20. Dezember 1989, es gehe heute darum, „die Botschaft Müntzers und Luthers zu vereinen, um in einer neuen Qualität von revolutionärer Bewegung Sozialismus und Demokratie fest miteinander zu verbinden“, verhallte folgenlos. In der friedlichen Revolution von 1989/90 spielte Müntzer keine Rolle.10

2. Bilanzierung, Arbeit an den Quellen und Neuansätze – zur Phase danach

In der Folge der politischen Entwicklung seit 1989 sei die wissenschaftliche Diskussion um Müntzer zunehmend verstummt, hat der Lexikograph Ingo Warnke unter der Arbeit an seinem Müntzer-Wörterbuch 1993 festgestellt.11 Die Bibliographie von Marion Dammaschke und Günter Vogler vermittelt auf den ersten Blick zwar ein etwas anderes Bild, aber die Mehrzahl der aufgelisteten Titel bis in die frühen neunziger Jahre ist nichts anderes als eine Nachlese zum Müntzer-Jahr 1989. Die Umstrukturierung und Neuorientierung aller Wissenschaftsbereiche in den neuen Bundesländern absorbierten für mehrere Jahre so gut wie alle Forschungsaktivitäten. Selbst für das schon teilweise weit gediehene Projekt einer kritischen Müntzer-Ausgabe bei der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig mussten neue Beschlüsse gefasst werden. Der 3. Band mit den Quellen zu Müntzer konnte erst 2004 erscheinen, der wesentlich umfangreichere 2. Band mit dem Briefwechsel folgte 2010, und der 1. Band mit den Schriften und Fragmenten wird gar kaum vor Frühjahr 2017 vorliegen.

Die bisher an der Müntzer-Forschung Beteiligten stellten ihre Arbeit an der Thematik zwar nicht ein, aber in ihren Publikationen konnten sie nur wenige neue oder gar weiterführende Ergebnisse veröffentlichen. Auch aus der nachfolgenden Generation der Wissenschaftler füllte niemand die Lücke aus, da Müntzer als Thema bei den akademischen Reformationshistorikern kaum noch Interesse fand. Erst nach einem Jahrzehnt kam es mit der Gründung der Thomas-Müntzer-Gesellschaft zu einer neuen institutionellen Plattform für die Auseinandersetzung mit Müntzer. Für die Entstehung sind mehrere Impulse wirksam gewesen, der 475. Todestag Müntzers 2000, touristische Überlegungen und persönliche Interessen einzelner Wissenschaftler. Als Ziele der Gesellschaft nannte die Satzung an erster Stelle die Forschung zu Müntzers Leben und Werk, deren Ergebnisse auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Beides konnte in erstaunlichem Umfang realisiert werden durch jährliche Tagungen und durch eine Veröffentlichungsreihe. Ein Großteil der bis 2015 erschienenen 22 Nummern ist Schwerpunkten der Rezeption gewidmet, nur wenige Beiträge haben sich darauf konzentriert, Phasen von Müntzers Wirken nach den Quellen neu zu erschließen.

2008 beschloss die Evangelische Kirche in Deutschland, „Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017“ durch einen wissenschaftlichen Beirat erarbeiten zu lassen, um „eine Grundlage zu haben, die aus der Beschäftigung mit der Geschichte auch den gegenwärtigen gesellschaftlichen, kirchlichen und religiösen Kontexten in Deutschland und Europa Rechnung trägt.“12 Vor allem durch Jubiläumsjahre im Falle von Calvin (2009), Melanchthon (2010) und Lukas Cranach d. J. (2015) bedingt, wird bedacht, dass die Reformation keine Bewegung war, die allein durch Luther getragen wurde. Müntzer wurde zwar nicht ganz übersehen, sondern immerhin durch eine Tagung der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 2008 unter dem Thema „Reformation und Bauernkrieg. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik im geteilten Deutschland“ berücksichtigt. 2011 fand in Wittenberg auch eine Müntzer-Tagung der Evangelischen Akademie zum Thema „Neu Ordnung machen in der Welt“ statt. Insgesamt dominierte aber Luther. Das hat mehrfach Kritik hervorgerufen, die aber zunächst kaum Folgen hatte. Erst seit ungefähr vier Jahren zeichnet sich ein gewisses Umdenken ab, das auch Autoren inspirierte, neue Müntzer-Darstellungen für breitere Leserkreise zu veröffentlichen. Die Ergebnisse der jüngsten Forschung werden dabei in der Regel nur selektiv beachtet. Es gehört inzwischen zu den Selbstverständlichkeiten, Müntzer als Theologen darzustellen, aber seine theologischen Anliegen und Ziele bleiben in der Regel schattenhaft. Nach wie vor schimmert stets der Sozialrevolutionär und die Beteiligung am Bauernkrieg durch. Ein Blick auf die Einladung zur heutigen Tagung bestätigt diesen Eindruck. Eine Ausnahme bildet die Neubearbeitung des Müntzer-Buches des Hamburger Sozialhistorikers Hans-Jürgen Goertz von 1989. Es erschien vor einem Jahr unter dem Titel „Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeiten“. Als sich der Beckverlag entschied, diese Neubearbeitung in sein Programm aufzunehmen, waren nach meiner Erinnerung Günter Vogler und ich bereits mit der Arbeit an unserer gemeinsamen Biographie beschäftigt. Darüber will ich nun berichten.

3. Die erste wissenschaftliche Müntzer-Biographie auf der Basis der Quellenlage

Mit diesem Anspruch hat das Gütersloher Verlagshaus für die neue Biographie geworben. Ich halte das für berechtigt. Die ersten Müntzer-Darstellungen wurden auf der Grundlage der gedruckten Überlieferung geschrieben. Erst Walter Elliger stand 1975 für seine Biographie von mehr als 800 Seiten die Gesamtausgabe von Müntzers Schriften und Briefen durch Günther Franz und Paul Kirn von 1968 zur Verfügung. Diese Edition war ein riesiger Fortschritt gegenüber früheren Quellenpublikationen, bot aber keineswegs die gesamte Müntzer-Überlieferung. Elliger hat sich an sie gehalten und auf eigene Quellenforschungen verzichtet. Müntzers Texte interpretierte er so intensiv wie keiner vor ihm. Der historische Kontext blieb aber weitgehend unbeachtet und die Ergebnisse der landes- und lokalgeschichtlichen Forschung wurden kaum berücksichtigt. Außerdem macht sich die Absicht, das traditionelle marxistische Verständnis Müntzers zurückzuweisen, zu stark bemerkbar.

Natürlich ist unser Entschluss, eine neue wissenschaftliche Müntzer-Biographie zu schreiben, nicht ohne den Eindruck entstanden, dass das Konzept der Reformationsdekade zu einseitig auf Luther ausgerichtet ist. Mit anderen Kritikern hat das Günter Vogler auch relativ früh beklagt und die fehlende Berücksichtigung Müntzers angemahnt. Für mich war dieses Defizit aber nicht ausschlaggebend, als ich im September 2013 vorgeschlagen habe, gemeinsam eine wissenschaftliche Müntzer-Biographie zu erarbeiten. Ich meinte, dieses Projekt sei einfach dran. Durch meine jahrelangen Forschungen und Quelleneditionen war ich mit der Müntzer-Literatur vertraut, und durch kollegiale Zusammenarbeit mit Günter Vogler in nahezu 40 Jahren sah ich auch eine entsprechende Basis gegeben. Ich war überzeugt, dass mit der Erschließung und Edition der gesamten Überlieferung nun die Voraussetzungen vorhanden sind, das bisherige Bild Müntzers an den Quellen zu prüfen und gegebenenfalls zu revidieren. Nach meiner Krebsoperation traute ich mir nicht zu, diese Aufgabe allein anzugehen. Außerdem war mir bewusst, dass Günter Vogler über größere Erfahrung verfügt, umfangreiche Darstellungen zu konzipieren und zielstrebig zu verwirklichen. Mit der Thematik war er ebenfalls vertraut. Das belegen seine kleine Müntzer-Biographie von 1989 genauso wie zahlreiche Veröffentlichungen danach.

Günter Vogler sagte zu und legte schon bald einen ersten Gliederungsentwurf vor. Über Ziel und Kriterien waren wir schnell einig. Es sollte über Müntzer nach dem neuesten Stand der Forschung informiert werden. Wir wussten jedoch, dass erhebliche Hürden zu überwinden waren, denn das Bild Müntzers ist wie das kaum eines anderen Reformators durch die Urteile anderer geprägt. Erst waren es die Gegner von Luther, seit dem 18. Jahrhundert auch die sozialkritischen und revolutionären Verehrer. Die Quellen bestätigen weder das eine Verständnis noch das andere ganz. Sie sind außerdem für die biographischen Stationen höchst unterschiedlich dicht vorhanden. Für eine wissenschaftliche Biographie ist die Überlieferung insgesamt recht schmal. Da Müntzer sich völlig mit seiner beruflichen Aufgabe identifiziert hat, fehlen autobiographische Äußerungen, auch persönliche Reflexionen und Bemerkungen zu Verhältnissen und Ereignissen. Über die Entwicklung seiner Ansichten oder Veränderungen seiner Urteile gibt er ebenfalls keine Auskunft.

Angesichts dieser Situation wollten wir uns vor allem an den überlieferten Quellen selbst orientieren. Sie sollten im darstellenden Text die Priorität haben. Unumgängliche Auseinandersetzungen mit der Forschung sollten den Anmerkungen überlassen werden. Wenn zu bestimmten Ereignissen keine gesicherten Belege existieren, obgleich frühere Darstellungen oft einen anderen Eindruck erwecken, sollte das dem Leser nicht vorenthalten werden. Auf begründete Vermutungen wollten wir jedoch nicht verzichten. Das sollte aber jeweils entsprechend benannt werden. Bewusst war uns auch, dass wir aus der Schilderung der politischen, sozialen, religiösen und kulturellen Verhältnisse in der Regel keine direkten Rückschlüsse auf Müntzer ziehen können, da er sich kaum genau genug dazu geäußert hat. Die Bildbeigaben, auf die wir Wert legten, verstehen wir als ergänzende Quellen. Deshalb bemühten wir uns, nicht nur auf den üblichen Bestand zurückzugreifen. Wir entschlossen uns, das Buch arbeitsteilig zu schreiben, das heißt, jeder gibt seine Entwürfe dem Partner zur Kenntnis und berücksichtigt dessen kritische Fragen und Vorschläge nach Möglichkeit bei der Überarbeitung. Dieses aufwendige Verfahren sollte der Einheitlichkeit der Darstellung zugute kommen. Wir hoffen, diesem Ziel nahegekommen zu sein. Welche Kapitel Günter Vogler verfasst hat und welche ich, wird am Schluss der Einleitung aufgeführt.

Das Buch ist nach einer knappen Einleitung in 12 Kapitel gegliedert, deren Überschriften jeweils aus einem charakteristischen Müntzer-Zitat und einem sachorientierten Untertitel bestehen. Die Fakten sind den Sachkennern weitgehend aus der neueren Forschung bekannt. Sie werden hier aber zum ersten Mal in einem gesamtbiogaphischen Zusammenhang geboten und mit dem historischen Kontext nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung verschränkt. Dieser Anlage ist es zu verdanken, wenn der Eindruck entsteht, es werde in mancher Hinsicht ein anderer Müntzer präsentiert als der bisher bekannte. Ein Rezensent hat seine Würdigung in der Süddeutschen Zeitung deshalb mit der Überschrift versehen: Der Unbekannte.

Ich sehe mich nicht in der Lage, den Inhalt der umfangreichen Darstellung hier ausführlich wiederzugeben. Stattdessen will ich auf einige Tatbestände hinweisen, die sich durch die Quellen bestätigt haben oder zu denen die bisherigen Auffassungen korrigiert werden müssen. Im 1. Kapitel über Herkunft und Bildungsgang ist zunächst die Zugehörigkeit der Eltern zum vermögenden Stadtbürgertum der Residenzstadt Stolberg im Harz beachtenswert, ohne dass die Namen mit Sicherheit nachgewiesen werden können. Revidiert werden muss die traditionelle Überlieferung zum Geburtshaus. Nicht das bisher gekennzeichnete Gebäude, sondern ein im 19. Jahrhundert durch Brand zerstörtes gegenüber ist nach neuen Forschungen als Geburtshaus anzunehmen.

Mehr neuen Stoff gab es im 2. Kapitel über Müntzer im Dienst der Kirche von 1514 an in Braunschweig bis Frühjahr 1520 im Zisterzienserinnenkloster Beuditz bei Weißenfels zu verarbeiten. Für Braunschweig ist der Kontakt des jungen Altarpriesters zu einem Kreis von Fernhändlern, die sich um eine persönliche Frömmigkeit unter dem Einfluss der praktischen mystischen Reformtheologie bemühten, hervorzuheben. Müntzers theologische Kompetenz wurde auch für kritische Fragen zum Ablass in Anspruch genommen, bevor es in Wittenberg zum offenen Konflikt kam. Aus seiner geistlichen Tätigkeit im Kanonissenstift Frose bei Aschersleben von 1515 an sind erste liturgische Niederschriften und weitere Spuren einer Beschäftigung mit den Schriften spätmittelalterlicher Mystikerinnen und Mystiker zu nennen. Schon bald war er unter den Theologen des frühen reformatorischen Aufbruchs zu finden. Einige Monate als Beichtvater der Nonnen von Beuditz nutzte er zur intensiven Auseinandersetzung mit den Werken der frühen Kirchenlehrer und den Akten der Reformkonzilien. Auch dieses Studium verstand er als Vorbereitung für einen zu erwartenden reformatorischen Dienst.

Diese Erwartung sah er erfüllt im Angebot einer Predigtvertretung für den humanistischen Reformtheologen Johannes Egranus in der bedeutenden kursächsischen Stadt Zwickau zum Frühjahr 1520. Der Zwickauer Tätigkeit von knapp einem Jahr ist das 3. Kapitel gewidmet. Hier wer-den die Leser größere Veränderungen gegenüber traditionellen Schilderungen feststellen. Die Zwickauer Sozialstruktur war zwar wie in anderen Städten differenziert, aber auf offene soziale Konflikte stieß Müntzer nicht. Als überzeugter Verkündiger des durch Luther wieder entdeckten Evangeliums nahm er sofort den Kampf mit den im Alten verharrenden Franziskanern auf. Er konnte sich dabei auf die Unterstützung des Rates verlassen, auch dann noch, als Egranus seinen Dienst an der Hauptkirche wieder aufnahm und der Rat ihn mit einer Daueranstellung als Prediger an der zweiten Stadtkirche St. Katharinen versorgte. Müntzer verlor diesen Rückhalt erst, als er gegen den in seinen Augen pseudoreformatorischen Kollegen Egranus aus theologischen Gründen öffentlich polemisierte. Da er davon nicht abließ, sah der Rat die öffentliche Ordnung gefährdet und entließ ihn. Erst danach wurde Genaueres über Müntzers Anhang, insbesondere ein biblizistisches und apokalyptisch ausgerichtetes Konventiktel um den Tuchmacher Nikolaus Storch, bekannt.

Ebenfalls manches Neue wird im 4. Kapitel über Müntzers anschließende Böhmenmission berichtet. Wahrscheinlich haben sich seine Hoffnungen auf eine vollständig erneuerte Christenheit schon gegen Ende der Zwickauer Zeit auf die Böhmen gerichtet. Diese hatten sich seit Hus auf den Sonderweg zu einer eigenständigen Kirche begeben. Genauere Kenntnisse über die Entwicklung der religiösen Gruppierungen nach der Vernichtung der radikalen apokalyptischen Taboriten scheint er nicht besessen zu haben, als er sich im Sommer 1521 nach Prag begab. Die anfängliche Sympathie der Universitätslehrer, die in ihm einen Vertreter der Wittenberger Reformatoren sahen, verlor er bald. Darauf vertiefte er sich in die Werke der frühen Kirchenlehrer Cyprian und Tertullian, die der Apostelzeit noch nahestanden. Seine missionarische Absicht, die Böhmen aus der Abhängigkeit der korrumpierten Kirche zu befreien und sie zur persönlichen Erfahrung des lebendigen Gotteswortes zu führen, legte er in einem Sendbrief nieder. Die unterschiedlichen Fassungen, in denen mystische Glaubensvorstellungen und apokalyptische Erwartungen deutlicher greifbar werden, richteten sich wohl an verschiedene religiöse Gruppierungen. Sie blieben alle ungedruckt. Die Böhmen waren nicht bereit, auf Müntzer zu hören. So blieb ihm nicht anderes übrig, als seinen Missionsversuch abzubrechen. Zu diesem Fiasko hat er sich später nicht geäußert.

Über ein Jahr war er nun genötigt, sich auf die Suche nach einem Lebensunterhalt und damit auch um einen neuen Wirkungsort zu begeben. Im 5. Kapitel werden die Stationen genauer dargestellt. Neu sind Erwägungen zu Lochau, aber auch zu den Aufenthalten in Stolberg, Nordhausen, Weimar mit dem Besuch bei Hofprediger Wolfgang Stein und die Verständigung mit Karlstadt in Wittenberg. Sie brachte ihm höchstwahrscheinlich die Vermittlung als Kaplan im Zisterzienserinnenkloster Glaucha vor Halle ein. Sein wichtiger Brief an Melanchthon vom 29. März 1522 belegt, dass er sich nach wie vor den Wittenbergern verbunden wusste, sie aber mit offener Kritik nicht verschonte. Er warf ihnen vor allem vor, dass sie mit ihren zögerlichen Reformen nicht erkennen, dass das Ende der Welt nahe ist. Seine apokalyptische Überzeugung ist ihm also auch nach der Enttäuschung in Böhmen geblieben. Sie hat aber andere Züge erhalten, und er geht mit ihr nun anders um.

Das wird sichtbar, als er nach seiner Entlassung in Glaucha sofort das überraschende Angebot erhielt, die freie Pfarrstelle der Altstadtkirche in Allstedt, der südlichsten Amtsstadt des Kurkreises zu übernehmen. Es war eine Exklave mitten im nichtreformatorischen Gebiet. Die Hintergründe der Berufung sind ungeklärt. Im 6. Kapitel, wird nachgewiesen, dass sich Allstedt bereits für reformatorische Ansätze geöffnet hatte, als Müntzer unmittelbar vor Ostern seinen Dienst aufnahm und dass er sofort mit der Umgestaltung des Gottesdienstes als Zentrums im Gemeindeleben begann. Als erster Reformator richtete er einen vollständig deutschen Abendmahlsgottesdienst für die fünf Kirchenjahreszeiten ein und stellte auch aus den Stundengebeten der Klöster Ordnungen für tägliche Gottesdienste in deutscher Sprache zusammen. Durch ihren Druck fanden diese Gottesdienstordnungen zumindest teilweise eine weite und lange Verbreitung. Vor wenigen Monaten wurde ein Allstedter Exemplar von beiden Gottesdienstformen gefunden. Es ist trotz eines Verbotes durch die kurfürstlichen Visitatoren bis 1612 in Gebrauch gewesen. Müntzers Name ist aber getilgt worden.

In seiner ersten Druckschrift vom Juli 1523, dem Sendbrief an die Stolberger, ist Müntzer dem Verdacht entgegengetreten, Aufruhr zu schüren. Er verschweigt aber nicht, dass er nach wie vor das Ende der Welt erwartet. In diesen persönlichen Erwartungsglauben sollte die Gemeinde durch die neu gestalteten kirchlichen Bräuche und Gottesdienste eingeübt werden. In der großen Ausstrahlung auf die ganze Region sah er eine Bestätigung, wohl auch in dem zunehmenden Bestreben der benachbarten Obrigkeiten, den wachsenden Einfluss auf ihre Untertanen gewaltsam zu verhindern. Der Konflikt um Müntzer entzündete sich zuerst an seiner Gottesdienstreform mit ihrer teilweise neuen Interpretation der biblischen Glaubensgrundlagen. Diese Zusammenhänge und die eskalierende Entwicklung sowie Müntzers Verteidigung werden im 7. Kapitel geschildert. Bekannte Ereignisse erscheinen in dieser Optik teilweise in einem anderen Licht als bisher, der Streit mit dem Kloster Naundorf und die Zerstörung der Mallerbacher Kapelle, die Proteste der Allstedter gegen Strafmaßnahmen, die Bundesgründung und nicht zuletzt das etwas halbherzige Vorgehen der Landesherren gegen die renitente Amtsstadt. Geklärt werden konnte endlich, dass die sogenannte Fürstenpredigt keinesfalls eine Art Probepredigt war und dass sie wahrscheinlich in der Hofstube gehalten wurde. Müntzer wollte die reformatorischen Landesherren für das endzeitliche Reformationsprogramm gewinnen.

Häufiger im Blick ist in den letzten Jahrzehnten Müntzers anschließendes Bemühen gewesen, in der Reichsstadt Mühlhausen Fuß zu fassen. Die Verbindung mit der bereits in Gang befindlichen Bürgerbewegung gegen den Rat, die Gründung des Ewigen Bundes Gottes und die Ausweisung nach wenigen Wochen werden im 8. Kapitel ebenfalls insgesamt anders als früher dargestellt. Ähnliches ist von der Reise nach Nürnberg und in den Südwesten zu sagen. Bei Nürnberg stehen im 9. Kapitel die beiden letzten dort gedruckten Schriften Müntzers mit ihrer Zurückweisung von Luthers Angriffen im Mittelpunkt. In der „Ausgedrückten Entblößung“ ist es Luthers Glaubens- und Bibelverständnis mit seinen sozialkritisch angeleuchteten Folgen. Hieraus stammt auch die Überschrift für diese Tagung. Mit der „Hochverursachten Schutzrede“ gibt Müntzer in sprachgewaltiger Polemik den Teufelsvorwurf an Luther zurück und bekräftigt seine eigene Überzeugung, kompromisslos für die Wiederherstellung der Ordnung Gottes zu wirken. Bei der Darstellung des Aufenthalts im Südwesten werden manche Leser mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen, wie wenig verbürgte Aussagen über Müntzers Kontakte und Wirken im Gebiet des beginnenden Bauernaufstandes vorliegen.

Mit wirklich neuen Ergebnissen können auch die Schlusskapitel, das 10. und 11., über Müntzers Verwicklung in die Aufstände in Thüringen nach seiner Rückkehr nach Mühlhausen im Februar 1525 nicht aufwarten. Wahrscheinlich ist aber gerade für diesen Teil größeres Interesse vorhanden, weil die Vorstellungen von Müntzer nach wie vor von der kurzen Bauernkriegsphase beherrscht werden. Nach den Quellen ergeben sich jedoch auch hierzu ein paar andere Akzentsetzungen. Dazu gehört, dass Müntzer bis zu seinem gewaltsamen Ende bei seinem Selbstverständnis geblieben ist. Die Zusätze, die er für seinen Namen wählte, bezeugen, dass er sich als von Gott berufener Prophet in einer apokalyptischen Situation verstand. Diese Überzeugung prägte seine Kritik an der Kirche Roms wie zunehmend auch die an der Reformation Luthers. Er sah sich herausgefordert, für eine universale Reformation zu wirken, in der die Gottesfurcht durch den wahren Glauben in der Nachfolge Christi die Stellung der bislang alles beherrschenden Menschenfurcht einnimmt. Über die Konsequenzen bis zur endgültigen Herrschaft Gottes war er sich auch im Klaren, eine Christenheit der Auserwählten, die keine Zwischenautoritäten mehr nötig hat, also eine neue Ordnung in der Welt, wie es Luther befürchtet hatte. Das ist im 12. Kapitel noch einmal zusammenfassend skizziert worden. Die Grenzen von Müntzers universalem Unterfangen werden ebenfalls angedeutet, der mangelnde institutionelle Rückhalt und die Überforderung der Menschen mit einer anspruchsvollen Glaubenserfahrung in begrenzter Zeit. Am Schluss wird bekräftigt: Wenn auch Müntzers apokalyptisches Zeitverständnis heute so nicht mehr relevant sei, seine Lehren und Visionen, die ihn in der Aufbruchphase der Reformation umtrieben, seien mit seinem Tod nicht abgegolten.

Mit diesem Schlusssatz des Buches sehe ich meine Auffassung von 1975 deutlicher bestätigt, als es damals möglich war, nämlich es sei klar, wer Müntzer sein wollte. Ich bin überzeugt, dass unsere Darstellung von Müntzers Leben und Wirken und damit auch seine Position in den Aufbruchjahren der Reformation in absehbarer Zeit wohl kaum durch eine andere ersetzt werden kann, weil sie auf der ganzen bisher bekannten Quellenüberlieferung basiert. Abgeschlossen ist damit aber die Müntzer-Forschung nicht. Neue Quellenfunde sind zwar schwerlich zu erwarten, doch auch nicht auszuschließen, wie das Eisenacher Exemplar mit den Allstedter Liturgien zeigt. Ich selbst komme immer wieder zu kleinen neuen Einsichten, wenn ich mich mit Müntzer-Texten beschäftige. So habe ich zum Beispiel erst kürzlich erkannt, wie Müntzer zu der Überzeugung gelangt ist, auch die Heiden könnten den von ihm verkündeten Glauben verstehen. Bei seinen Tertullianstudien ist er auf die Auffassung des frühen Kirchenlehrers von der Gleichsetzung des Naturrechts mit dem Gesetz Gottes gestoßen. Tertullian sagt nämlich in seiner Apologie, dass die menschliche Seele von Natur christlich sei.13 Nach wie vor steht auch eine gründliche liturgiewissenschaftliche Untersuchung von Müntzers Beitrag zur evangelischen Gottesdienstreform aus. Gleichfalls gilt es, den Prozess von der Entfremdung bis zur erbitterten Feindschaft zwischen Luther und Müntzer auf Grund der Quellen neu zu erhellen. Mögen psychologische Komponenten nicht auszuschließen sein, die Ursachen der gegenseitigen Verteuflung sind theologischer Art. Mit der kritischen Lupe eines Forschers in unseren Tagen betrachtet, erscheinen beide in ihrer Beziehung nicht nur in einem vorteilhaftem Licht, Luther vielleicht noch weniger als Müntzer. Er war es, der länger distanziert beobachtete, dann Verständigungsversuche brüsk zurückwies und schließlich den öffentlichen Kampf mit undifferenzierten Anschuldigungen begann.

Wer war Thomas Müntzer – so beginnt das Thema, das mir für heute gestellt wurde. Wer er sein wollte, halte ich für geklärt. Die Frage, wer Müntzer war, hielt ich 1975 angesichts der kontroversen Auffassungen für offen. Ich halte sie noch immer für offen, wie übrigens auch im Falle Luther. Nach meiner Überzeugung muss diese Frage offen bleiben, weil wir uns sonst ein allgemein gültiges Urteil über eine geschichtliche Person anmaßen würden. Das ist mir im Laufe meiner Forschungen klar geworden, wenn ein Historiker sein Urteil als gültig für immer festschreiben würde, handelte er unprofessionell. Vielleicht ist einigen aufgefallen, dass Müntzer im Titel unserer Biographie ohne Attribut erscheint. Das ist wohl bedacht. Am Schluss der Einleitung heißt es, das Buch „ist ein Angebot an den Leser, sich zu informieren“. Das bedeutet zugleich, wir Autoren erwarten, dass der Leser am Ende selbst urteilt, wer Müntzer in seiner Sicht war. Er wird auch selbst entscheiden müssen, welche nicht zeitgebundenen Impulse in Müntzers so fremd wirkenden Sicht der Zukunft enthalten sind. Diese persönliche Antwort kann dem Leser nicht erspart werden. Damit bin ich an dem Punkt angelangt, an dem die Diskussion nach der Mittagspause einsetzen könnte.

Paul Oestreicher Manfred Stolpe: Ein Zeugnis und eine sehr persönliche Würdigung

Manfred Stolpe zum 80. Geburtstag … im Nachhinein
Ein Zeugnis und eine sehr persönliche Würdigung

Warum im Nachhinein? Weil der bemerkenswerte Sammelband zum 8o. Geburtstag Manfred Stolpes eine leicht erklärliche aber trotzdem bedauernswerte Lücke aufweist. Mit einer erfreulichen polnischen Ausnahme blieb es in dieser kollektiven Würdigung bei einer innerdeutschen Sicht auf einen Kirchendiplomaten und Politiker, dessen internationale Bedeutung diesen engen Rahmen sprengt. Der Kirchenbund der DDR hatte eine erstaunliche Ausstrahlung, die andere Kirchen, aber vor allem die EKD, beneideten. Ohne das Zeugnis der DDR-Kirchen wäre die christliche Ökumene eine beträchtlich ärmere gewesen.

Ich bin bei Weitem nicht der einzige und ganz bestimmt nicht der bedeutendste Begleiter, Kollege und Freund Manfred Stolpes aus dem Ausland. Eines unterscheidet mich von den Anderen: Im lutherischen braunen Thüringen, von Deutschen Christen beherrscht, wurde ich im Jahr 1931 geboren und acht Monate später von einem der wenigen Bekenntnispfarrern getauft. Mitglieder der sozialistischen Hertzsch-Familie, im Widerstand stehend, waren durch die dreißiger Jahre die engsten Freunde meiner Eltern. Klaus-Peter, zwei Jahre älter als ich und jüngst gestorben, war mein Kindheitsfreund. Mein Vater war bekennender Christ, galt aber seiner Herkunft nach als Jude. Siebenjährig wurde ich also unweigerlich zum Flüchtlingskind.

Im Jahr 1960 wurde ich – nach einem Studium der Politikwissenschaft in Neuseeland und in Bonn – in London zum anglikanischen Priester geweiht. Vier Jahre später wurde ich berufen, den Osteuropa-Ausschuss des britischen Kirchenrates als dessen Sekretär zu leiten. Mein Kollege John Arnold war dessen Vorsitzender. Später wurde er Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen und ich Leiter des Außenamtes des Kirchenrates, populär ausgedrückt, „Außenminister“ der britischen Ökumene. Meine Dienstjahre, zuletzt als Direktor des Zentrums für Internationale Versöhnung an der Kathedrale von Coventry, endeten mit meiner Emeritierung 1998.

Meine Verbindung und Freundschaft zu Manfred Stolpe lebt aber bis in die Gegenwart weiter. Er bleibt mein jüngerer, mir aber weit überlegener (dazu würde er nur halbwegs überzeugend den Kopf schütteln) und geliebter Bruder. Manfred weiß, wie viel er wert ist, seiner Frau, seiner Familie, seinem Land, seiner Kirche, seinem umfangreichen sozialen Umfeld. Das macht ihm sichtbare Freude. Menschenfreundlichkeit ist sein Name. Ich bleibe bei Manfred, also bei dem unter Kollegen in der angelsächsischen Welt selbstverständlichen Du.

Scherzhaft sagte ich in den langen Jahren des Kalten Krieges: „Meine Gemeinde beginnt an der Friedrichstraße in Berlin und endet in Wladiwostok.“ Meine siebenundsiebzig Besuche in der DDR hatten keinen guten, sondern einen eher ernüchternden Anfang. Im Jahr 1955 vermutete die Volkspolizei in mir einen Spion entdeckt zu haben und reichte mich weiter an die NKWD, Vorgänger des KGB. Mein neuseeländischer Pass sei wohl gefälscht. Nach zwei langen Tagen verwies mich mein „Gesprächspartner“ des Landes – nicht nach Sibirien, was damals in seiner Macht lag, sondern zurück in die Bundesrepublik Deutschland. Er glaubte mir, hatte aber nur begrenzten Glauben an sein eigenes Urteil. Mein damaliges Vorhaben, die Großmutter nicht weit vom Grenzgebiet zu besuchen, schien ihm doch zu riskant.

Aber Ende gut, alles gut. Sieben Monate später gelangte ich mit Hilfe von Otto Nuschke, dem Vorsitzenden der Ost-CDU, doch zu meiner Großmutter. Wer überreichte mir die notwendige Genehmigung? Die Büroleiterin von Nuschke, Christa Lewek, damals noch nicht Oberkirchenrätin im Dienst des Kirchenbundes. Die Kirchenzentrale in der Ostberliner Auguststraße wurde bei jeder dienstlichen DDR-Reise zu meinem Anlaufpunkt. Meine ersten Besuche bei dem Chef, Manfred Stolpe, waren durch seine sachliche Freundlichkeit gekennzeichnet. Durch die Jahre blieb das so. Die ökumenischen Beziehungen des Kirchenbundes – mein Anlass ihn aufzusuchen – waren bei dem gekonnten Juristen Stolpe von zentraler kirchenpolitischer Bedeutung, aber – wie ich mit der Zeit wahrnahm – zugleich auch seine Herzenssache. Die britischen Kirchen und auch die niederländischen spielten dabei für ihn eine wesentliche Rolle.

War die Auguststraße mein erster Anlaufpunkt, so war der zweite die Dienstelle des Staatssekretärs für Kirchenfragen der DDR. Schnell lernte ich von Manfred Stolpe, dass unsere gemeinsamen Anliegen in diesem realen Sozialismus weitgehend vom guten Willen des Staates (mit dem man nicht unbedingt rechnen konnte) abhingen. Den Weg zu Staatssekretär Hans Seigewasser und später zu Klaus Gysi ging ich selten allein. Der Chef sorgte für geschulte kirchliche Begleitung, meist in der Person von der anderen, der zweiten Christa im Stab des Kirchenbundes, Christa Grengel. Im Dienst für die Ökumene verband sie einen hellen Verstand mit diplomatischem Charme. Einen besseren Lehrmeister als ihren Chef hätte sie nicht haben können. Als zum ersten Mal ein DDR- Staatssekretär für Kirchenfragen nach Großbritannien eingeladen wurde, sorgte Manfred Stolpe für die passende kirchliche Begleitung. Er war davon überzeugt, Christa Grengel würde Klaus Gysi mit einem Lächeln das Nötige beibringen. Staat und Kirche Hand in Hand? Nicht unbedingt – jedenfalls nicht mit dieser Christa.

Es war für mich notwendig und nicht allzu schwer, das persönliche Vertrauen Seigewassers und seines Nachfolgers Gysi trotz ihrer sehr verschiedenen Veranlagungen zu gewinnen. Fern von aller Ideologie konnte, wollte, musste ich sie als Mitmenschen achten. Das war die Basis meines christlichen Dienstes und nur nebensächlich auch pragmatisch sinnvoll. Horst Dohle, der kluge persönliche Mitarbeiter beider Staatssekretäre, gehörte mit dazu. Nicht alle staatlichen und auch nicht alle kirchlichen Mitarbeiter konnten ein solch respektvolles Verhältnis gutheißen. Aber Manfred Stolpe tat dies mit Verstand und Wohlwollen und aus gutem Grund, denn er konnte mit gutem Gewissen mit dem staatlichen Gegner menschlich und risikobereit arbeiten. Der vermeintliche Gegner – insoweit er es war – blieb für ihn immer zuerst Mensch.

Also nun zu den späteren Beschuldigungen gegen diesen pflichtbewussten Diplomaten im Dienst seiner Kirche und deren Mitglieder verschiedenster Couleur. Die harten Urteile mancher Opfer des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (Stasi) waren zwar verständlich, aber in diesem Fall niemals berechtigt. Partisanen der DDR-Diktatur gab es in der Kirche – offene und geheime. In Manfred Stolpe hatten sie jedoch keinen Gleichgesinnten. Er erfüllte seine Pflicht mit scheinbar (scheinbar, denn wer kann in eine Seele schauen?) selbstsicherer Gelassenheit, eine seltene Gabe auf offener Bühne und zugleich hinter den Kulissen. Letzteres bedurfte eines einsamen Bündnisses mit dem eigenen Gewissen. Makellos? Wer viel riskiert, kann nicht immer Recht behalten. Manfred Stolpes Arbeitgeber, also die Bischöfe, haben ihm viel zugemutet. Die Objekte der Stasi brauchten sie nicht zu betreten. Wer hat wen dabei wohl über den Tisch gezogen? Niemand. Ein Mensch hat mit Menschen geredet und um die Rechte Anderer gerungen, und dies nicht im Streit, sondern womöglich im Einvernehmen. Immer der Vermittler, auch von Fall zu Fall mit dem Risiko, zu scheitern.

Ich behaupte das mit Überzeugung und aus eigener Erfahrung. Auch der Erfolg meiner eigenen Menschenrechtsarbeit hing in hohem Maße von der Unterstützung durch einen hochrangigen Offizier der Staatssicherheit ab. Hans Joachim Seidowsky war als Berater des Politbüros in Sachen Religion so etwas wie eine graue Eminenz mit erstaunlichem Einfluss. Bis in die höchsten Kirchenkreise blieb er ein Unbekannter. Auch unterhalb der Chefetage war das innerhalb der „Firma“ der Fall. Er war – was aus den Akten hervorgeht – der designierte Botschafter der DDR beim Vatikan, wäre es noch vor der „Wende“ zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und dem Vatikan gekommen. In seinen Berichten über mich, betitelt als „Abschöpfung des Oestreicher“, verwendet er niemals einen Decknamen. Sie waren ganz im Sinne meiner Aufgaben, die er respektierte, abgefasst. In Hans Seidowsky hatte ich einen verlässlichen Frenemy ... in einem Wort Freund und Feind zugleich. Manfred Stolpe brauche ich das gar nicht weiter zu erklären.

Ohne „Seido“, wie ich ihn seit langem und bis heute nenne, wäre viel Positives nicht möglich gewesen. Ich denke da zum Beispiel an die Genehmigung für eine Gruppe junger Christen aus Coventry, die nach Dresden fahren durften, um dort ein halbes Jahr zu leben und das Diakonissenkrankenhaus mit aufzubauen. Sie durften zudem unbegrenzt die DDR von Nord nach Süd, von Ost nach West bereisen. Über diese Initiative Coventrys in Zusammenarbeit mit Aktion Sühnezeichen in Zeiten des Kalten Krieges sind inzwischen zwei bewegende Bücher auf Englisch erschienen.

In den Jahren 1975 bis 1979 war ich Vorsitzender der britischen Sektion von Amnesty International. Im gesamten sozialistischen Lager galt a.i. als feindliche Organisation. Für die Sowjetunion, Ungarn und die Tschechoslowakei hatte ich seit dieser Zeit Einreiseverbot, für die DDR jedoch nicht. Ich glaube zu wissen, wem ich das zu verdanken habe. Hätte ich in der Sowjetunion einen vergleichbaren Beschützer gehabt, hätte ich vielleicht viel mehr Menschen helfen können. Hans Seidowsky war nicht nur Sachverständiger in Sachen Religion, sondern bis zur Wende zugleich Leiter der Auslandsabteilung des DDR-Fernsehfunks, also Filmexperte. Dies kam ihm nach dem Ende der DDR im internationalen Filmgeschäft zugute. Genau in meinem Alter, lebt er heute, schwer nierenkrank, in Warschau, wo er sein jüdisches Erbe pflegt, im Andenken an die vielen Familienmitglieder, die zu Opfern des Holocausts geworden sind. Für die bedingte Verteidigung seiner Laufbahn genügt ihm die Gewissheit, einem antifaschistischen Staat gedient zu haben.

Mit Manfred Stolpe konnte ich im Einvernehmen mit den verschiedensten Bischöfen – von Albrecht Schönherr bis Gottfried Forck – zusammenarbeiten. Hätte ich selbst in der DDR gelebt, wären wohl Werner Krusche, Heino Falcke, Christof Ziemer und Gottfried Forck meine Vorbilder – aber nicht allein diese – gewesen. Ich erlebte Manfred Stolpe gegen Ende der DDR als die rechte Hand des mutigen Bekenners Gottfried Forck. Nach einem mitternächtlichen Gespräch mit dem Berliner Bischof einigten wir uns, der Bischof und ich, über die Möglichkeit, zumindest einigen, die im Zusammenhang mit der Rosa-Luxemburg- Demonstration Anfang 1988 inhaftiert worden waren, zu helfen, um sie vor einer langen Haft oder einer Ausweisung nach Westdeutschland zu bewahren. Ich wollte ihnen die Möglichkeit schaffen, vorübergehend als Gast des Erzbischofs von Canterbury in England zu verweilen, mit dem Recht, nach sechs Monaten in die DDR zurückzukehren. Gottfried Forck besuchte die Gefangenen. Bärbel Bohley, Werner Fischer und Vera Wollenberger waren bereit, auf das Angebot einzugehen. Die Verhandlungen waren kompliziert. Ohne Manfred Stolpe wäre nichts gelaufen. Nur widerwillig hat die Stasi mitgespielt. Eine Rückkehr mit DDR-Pass wollte der Staat möglichst verhindern. Nicht nur die Gefangenen, sondern auch Forck und Stolpe bestanden auf dem Recht zur Rückkehr – mit Erfolg. Persönlich sorgte Manfred Stolpe in aller Stille für die vereinbarte Rückkehr. Dies war nur ein Beispiel von vielen für sein diplomatisches Geschick und seine menschliche Hilfsbereitschaft.

Als erfolgreichen Politiker im vereinten Deutschland habe ich Manfred Stolpe persönlich nicht erlebt. Im Ruhestand wirkt er erneut als Vermittler widerstreitender Positionen, wenn es um den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche geht. Im Auftrag der Nagelkreuzgemeinschaft Coventrys, die ebenfalls versöhnend vermitteln sollte, stand ich zwischen den Fronten. Das gewagte Unternehmen unterstützte ich mit kritischer Solidarität und tue es auch weiterhin, nicht zuletzt, weil ich mit dem Verständnis Manfred Stolpes rechnen kann. Mit seiner Kompromissfähigkeit, die meine eigene übersteigt, wirkt er menschlich schlichtend und beruhigt auch heute die zum Teil überhitzten Gemüter.

Die deutsche Christenheit, die Ökumene und viele einzelne Menschen haben Manfred Stolpe, dem Friedensstifter und Versöhner – viel mehr als dem eher bekannten „Macher“ – sehr viel zu verdanken. Auch ich habe ihm ganz persönlich zu danken. Und das kam so: Im Dezember 1983 befand sich das Ost-West- Verhältnis auf Hochspannung. Die Stationierung von Mittelstreckenraketen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs – der sogenannte NATO-Doppelbeschluss – führte auf beiden Seiten zur Verschärfung aller Sicherheitsmaßnahmen. Gerade in diesem Monat wurde ich unerwartet um Hilfe gebeten. „Kennen Sie Barbara Einhorn?“, fragte mich ein Anrufer. „Leider nicht. Ich wollte sie aber schon lange kennenlernen.“ „Sie ist nach Ost-Berlin gereist, kam aber nicht wie vereinbart zurück. Wir befürchten, sie könnte verhaftet worden sein“, hieß es am anderen Ende der Leitung. „Sie sind doch mit ostdeutschen Verhältnissen vertraut und Experte in Fragen politischer Gefangenschaft. Können Sie helfen herauszufinden, was in Ost-Berlin passiert ist?“

Barbara Einhorn, eine in England lebende neuseeländische Dozentin, war im Auftrag der Friedensbewegung END (Campaign für European Nuclear Disarmament) in die DDR gereist, um die DDR-Gruppe „Frauen für den Frieden“ um Bärbel Bohley und Ulrike Poppe zum dritten Mal zu besuchen. Zweck des Besuches war es, auf Wunsch der Frauen, etwas über deren staatskritische Friedensarbeit in England zu veröffentlichen. International besser bekannt zu sein, würde ihnen eine gewisse Sicherheit geben, dachten sie. Die vom Staat unabhängigen Friedensaktivistinnen in West und Ost waren sich einig in ihrer grundsätzlichen Ablehnung von Atomwaffen in Ost und West. Das missfiel den Machthabern auf beiden Seiten.

Mir ging durch den Kopf: Wenn irgendeiner in meinem Umfeld herausfinden könnte, wo sich Barbara Einhorn aufhielt, dann kann das nur Manfred Stolpe sein. Ich rief bei ihm an und fragte ihn, ob er in der Lage sei, den Aufenthaltsort von Barbara Eichhorn herauszufinden. In weniger als 24 Stunden rief er zurück: „Barbara Eichhorn sitzt in einem Stasi-Gefängnis. In Ost-Berlin.“ In kürzester Zeit organisierten wir eine groß angelegte Aktion zur Befreiung der Inhaftierten. Die DDR-Regierung hatte sich entgegen dem internationalen Recht geweigert, ihre Verhaftung bekannt zu geben. Damit galt sie offiziell als vermisste Person. Die neuseeländische und die britische Regierung, die einschlägige Presse und bekannte Persönlichkeiten im In- und Ausland erhoben Protest. Nach fünftägigem Verhör wurde die Anklage der „staatsverräterischen Tätigkeit“ fallen gelassen und die vermeintliche Verbrecherin des Landes verwiesen. Zu Weihnachten 1983 war sie bei ihrem damaligen Mann und ihren Kindern wieder daheim.

Ende gut, aber alles noch nicht gut. Bärbel Bohley und Ulrike Poppe blieben in Haft. Ich rief in London eine Sitzung der END DDR-Arbeitsgruppe ein, um zu beraten, wie wir den Frauen helfen könnten, freizukommen. Barbara Einhorn kam dazu. Es war der 8. Januar 1984. Etwa drei Wochen später waren auch diese beiden Frauen frei.

Am 17. Mai 2002 heirateten Barbara und ich im Berliner Standesamt Mitte. Im Frühjahr 1939 waren Barbaras und meine Eltern aus dem Berlin Adolf Hitlers nach Neuseeland ins Asyl geflüchtet. Ein Kreis hatte sich geschlossen.

Danke Manfred, für Dein wesentliches Mittun an unserer romantischen Geschichte.